XXL-LKW Contra

Nach einer Prognose des Bundesverkehrsministeriums wird der LKW-Verkehr in Deutschland bis zum Jahr 2030 um weitere 39 Prozent steigen. Extra lange LKW sollen den Transport ökonomischer und ökologischer machen, doch nicht alle sind von der Idee begeistert. Jetzt haben sich auch NRW und Baden-Württemberg auf Drängen der Industrie zu einer Teilnahme des bereits 2012 initiierten Feldversuchs entschlossen. Die zwei Seiten der Medaille erläutern exemplarisch zwei Experten. Diese Woche: Prof. Dr. Michael Schreckenberg. Als Professor für Physik von Transport und Verkehr der Universität Duisburg-Essen arbeitet er seit mehr als 20 Jahren an Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen.

Prof. Dr.Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen

Nach einer Prognose des Bundesverkehrsministeriums wird der LKW-Verkehr in Deutschland bis zum Jahr 2030 um weitere 39 Prozent steigen. Extra lange LKW sollen den Transport ökonomischer und ökologischer machen, doch nicht alle sind von der Idee begeistert. Jetzt haben sich auch NRW und Baden-Württemberg auf Drängen der Industrie zu einer Teilnahme des bereits 2012 initiierten Feldversuchs entschlossen. Die zwei Seiten der Medaille erläutern exemplarisch zwei Experten. Diese Woche: Prof. Dr. Michael Schreckenberg. Als Professor für Physik von Transport und Verkehr der Universität Duisburg-Essen arbeitet er seit mehr als 20 Jahren an Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen.

Als die Idee aufkam, wie in den USA und Kanada auch hierzulande überlange Lastwagen fahren zu lassen, war von vornherein klar, dass dies zu heftigen Auseinandersetzungen führen würde. Wie so häufig beim Thema Verkehr gibt es inzwischen zwei Lager, die nicht nur die gegensätzliche Meinung vertreten, sondern auch vollkommen unversöhnlich sind. Der Einfall an sich ist durchaus gut. Weniger Fahrzeuge auf der Straße erzeugen auch weniger Stau. Doch die Sache ist etwas komplizierter.

Es gibt verschiedene Argumente gegen den Einsatz von Gigalinern. Da wären zunächst einmal die normalen Verkehrsteilnehmer in ihren PKWs, die auf Autobahnen und Landstraßen unterwegs sind. Vor nichts, das haben mehrere Studien ergeben, haben Autofahrer mehr Angst als vor Lastwagen. In dichtem Verkehr wirken die LKWs wie eine fahrende Wand auf der rechten Spur. Die Abstände sind äußerst gering. Zwischen ihnen zu fahren ist eine Pein. Darum gibt es den sogenannten Inversionseffekt: wird der Verkehr dichter, wechseln die Autofahrer nach links.

Schon jetzt sorgen die Lastwagen auf Autobahnen häufig für Stau. Schert einer dieser Wagen aus, ist nicht nur die rechte Spur mit LKW belegt, sondern auch auf der linken Spur Schleichverkehr angesagt. Überholen sich demnächst Gigaliner gegenseitig, dürfte das noch zunehmen, weil der Vorgang noch länger dauert.

Das zweite Argument ist die Politik. Die Folgen für die Infrastruktur sind ungewiss. Deshalb gibt es auch keine einheitliche Meinung. Eine Einigung der zerstrittenen Lager ist nicht in Sicht. Die einen warnen unermüdlich vor den maroden Brücken im Land, den defekten Fahrbahnen. Und mahnen an, dass viel zu wenig Investitionen in den Erhalt der Straßen fließen. Schon jetzt müssen Brücken umfahren werden. Die anderen schwärmen von der Entlastung für den Verkehr, wenn durch die Größe der LKWs nur noch zwei statt drei Wagen unterwegs sind.

Doch genau hier liegt das Problem. Je attraktiver die Straße für den Gütertransport wirkt, desto voller wird sie auch. Spediteure sparen Geld, weil sie weniger Fahrer brauchen und verlagern noch mehr Güter auf die Straße. Selbst die Bahn fährt ihre Güter gerne per LKW durchs Land. So wird der Vorteil der Entlastung schnell zum Nachteil. Und das Problem der so genannten letzten Meile, das die Bahn stets hatte, wird auch durch extralange Lastwagen nicht gelöst. Die Ware bis an den Ort bringen, für den sie bestimmt ist, können die Giganten auch nicht, weil sie nicht in die Stadt fahren dürfen. Auch Rast- und Parkplätze sind für die großen Fahrzeuge nicht ausgelegt.

Ein bisschen erinnert die Diskussion an die (gescheiterte) Einführung von E10. Ohne einen Plan, der von der Mehrheit getragen wird, wird sich auch der XXL-LKW nicht durchsetzen.

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