Längst stehen Verpackungen im Fokus von Umweltdebatten und Kundenerwartungen. Denn was einst vor allem schützen sollte, muss heute viel mehr können: Ressourcenschonend hergestellt sein, kompostier- oder recycelbar und am besten auch intelligent. Damit wird Verpackung zum Experimentierfeld für nachhaltigere Logistik.
Neue EU-Richtlinie gegen Verpackungsmüll
Jedes Jahr werden in Deutschland laut Branchenverband BPEX rund 4,3 Milliarden Päckchen und Pakete verschickt, 2030 könnte die Marke von 5 Milliarden geknackt werden. Gleichzeitig fällt in keinem anderen EU-Land so viel Verpackungsmüll an wie in Deutschland: pro Kopf rund 237 Kilogramm Papier, Glas und Kunststoff im Jahr 2023.
Die EU will diese Verpackungsflut eindämmen: Im Februar 2025 trat die „Packaging and Packaging Waste Regulation“ (PPWR) in Kraft. Die darin vorgesehene Übergangsfrist von 18 Monaten läuft im August 2026 aus – dann wird die PPWR für alle Firmen in der EU verbindlich. Ihr Ziel: Verpackungsabfälle bis 2030 um 5 Prozent und bis 2040 um 15 Prozent zu senken. Dafür müssen bis zu diesem Zeitpunkt alle in Verkehr gebrachten Verpackungen recyclingfähig sein, zudem wird der Einsatz von recycelten Materialien in neuen Kunststoffverpackungen verpflichtend, und Marken müssen den CO2-Fußabdruck ihrer Verpackungen öffentlich machen. 2026 markiert damit eine wichtige Wegmarke in der Modernisierung von Verpackungslösungen.
Die Tage der Einwegverpackungen sind gezählt
Seit Jahren steigt die Nachfrage nach leichteren und umweltfreundlicheren Materialien. Sie reduzieren das Gewicht der Sendungen und helfen so, Emissionen und Kosten zu senken. Etwa weil weniger Fahrten notwendig sind oder Treibstoff eingespart werden kann – ein Vorteil nicht nur für E-Commerce-Anbieter, sondern auch für Logistiker. Zumal Verbraucher*innen bereit sind, für nachhaltige Lösungen auch mehr zu zahlen. „Nachhaltig“ ist nicht länger ein netter Pluspunkt, sondern wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Eines von vielen Beispielen ist Patagonia: Die Outdoormarke hat sich der Initiative „Pack4Good“ angeschlossen, um Verpackungsmaterial aus gefährdeten Wäldern zu vermeiden. Hier wird Ökologie zum sichtbaren Baustein in der Markenbildung.
Vor diesem Hintergrund scheinen die Tage der Einwegverpackungen gezählt – stattdessen werden Kreislaufsysteme (etwa bei Hygiene- und Kosmetikartikeln) und wiederverwendbare Materialien immer wichtiger. Denn auf neue Verpackungen zu verzichten, ist sicher der effizienteste Weg, um Müll zu vermeiden.
Amazon etwa verschickt inzwischen jede zweite Sendung in Europa ohne Karton in einer reduzierten, recycelbaren Verpackung; die nordamerikanische Lieferkette des Unternehmens hat 95 Prozent der Plastikpolsterung entfernt und durch Papier ersetzt. Das finnische Startup Repack bietet Verpackungen aus recyceltem Polypropylen an, die bis zu 20 Mal benutzt werden können – um dann erneut recycelt zu werden. Langfristig soll so ein Kreislauf entstehen, in dem Kund*innen ihre Tüten oder Kartons an Sammelstationen abgeben können und dafür ein Pfand zurückerhalten, das sie beim Kauf der verpackten Ware entrichtet hatten.
Bei OTTO bestehen 100 Prozent der Versandtüten mit Firmenlogo aus wiederverwendbarem Plastik, das aus der Natur gesammelt und weiterverarbeitet wurde. Zusammen mit Wildplastic unterstützt der Konzern so Länder wie Nigeria oder Indien bei der Abfallbeseitigung. Und auch in der Produktion von Wellpappe etwa für Kartons werden inzwischen schon mehr als 80 Prozent Recyclingpapiere verwendet.
Kartons für den Kompost
Parallel wächst zunehmend ein zweiter Trend: hin zu intelligenten, biologisch abbaubaren Materialien wie Bambus, Pilzen oder Gras, die zu 100 Prozent kompostierbar sind. Einige Beispiele:
- OTTO hat sich zum Ziel gesetzt, alle Verpackungen recycelt, biologisch abbaubar oder mehrwegfähig zu gestalten. Dazu testet das Unternehmen zum Beispiel Versandkartons, die zu zehn Prozent aus Paludi-Biomasse bestehen. Diese wird aus Nasswiesengräsern hergestellt, die in wiedervernässten Mooren ohne Torfverlust gewonnen werden. Zusammen mit Traceless arbeitet das Unternehmen auch an Versandtüten und Polybags, die aus naturbasierten Polymeren bestehen und komplett biologisch abbaubar sind.
- Auch Streiff & Helmold setzt unter anderem auf Graspapier, weil es problemlos kompostierbar ist und eine hohe Reißfestigkeit aufweist. Daneben bietet das Braunschweiger Unternehmen auch Kartons aus Steinpapier an, das hauptsächlich aus Calciumcarbonat besteht und für dessen Herstellung keine Bäume gefällt werden müssen.
- Das Münchner Startup Landpack verwendet Stroh, um Versandkartons herzustellen. Die getrockneten Getreidehalme schützen vor Stößen und isolieren – genau das, was beim Transport über weite Strecken wichtig ist. Veuve Cliquot hat zusammen mit Stella McCartney eine Alternative zu Tierleder entwickelt – produziert aus Traubenschalen und -stielen, die praktischerweise auf firmeneigenen Weinbergen gesammelt werden.
- Andere Firmen setzen auf essbare Verpackungen – das schwedische Lebensmitteltechnologieunternehmen Saveggy etwa testet einen Mix aus Raps- und Haferöl, das die herkömmliche Plastikfolie um Obst oder Gemüse ablösen soll. Notpla bietet Kartons für Burger oder Frittiertes an, die aus Algen hergestellt werden.
- Als besonders vielversprechendes Material gilt Myzel, also die Wurzelstruktur von Pilzen. Firmen wie Grown Bio, Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2023, stellen aus den Pilzwurzeln Verpackungen in sämtlichen Formen und Größen her, mit erstaunlichen Eigenschaften: wasserabweisend, gut stoßdämpfend, feuerresistent, geringes Eigengewicht. Und natürlich zu 100 Prozent kompostierbar. Am Fraunhofer-Institut, wo ebenfalls mit dem Material experimentiert wird, setzen die Forschenden große Hoffnungen in den Pilz: „Das Myzel hat Eigenschaften, die sich für die Herstellung von umweltfreundlichen, energieeffizienten Materialien nutzen lassen. Bei der Zersetzung von Zellulose und anderen organischen Reststoffen bildet es ein verdichtetes dreidimensionales Netzwerk und kann somit eine selbsttragende Struktur aufbauen“, erklärt der Biotechnologe Hannes Hinneburg.
Nachhaltig ist gut, intelligent noch besser
So vielfältig die neuen Werkstoffe auch sind: Nachhaltigkeit endet nicht beim Material. Sie entscheidet sich auch daran, wie effizient Verpackungen genutzt werden und wie viele Ressourcen entlang der Lieferkette tatsächlich eingespart werden. Hier setzt ein weiterer Großtrend an: Verpackungen, die mitdenken.
Diese nutzen digitale oder sensorische Funktionen, um etwa Temperatur oder Feuchtigkeit zu messen, was insbesondere für verderbliche Lebensmittel oder Medikamente wichtig ist. In der Logistik ermöglichen RFID- oder NFC-Chips eine lückenlose Rückverfolgbarkeit, reduzieren Fehlbestände und erleichtern Mehrwegsysteme. Richtig eingesetzt, können diese Technologien Abfälle vermeiden, Retouren senken und Lieferketten effizienter machen. Der Markt dafür entwickelt sich rasant: Eine Studie von Verified Market Research prognostiziert ein Wachstum von 18,59 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf 36,33 Milliarden im Jahr 2030.
Kund*innen wiederum hilft intelligente Verpackung bei der verantwortungsvollen Entsorgung. Über Smart Labels oder NFC-Tags lassen sich Herkunft, Recyclinghinweise oder CO₂-Fußabdrücke abrufen, manchmal sogar individuelle Nutzungshinweise oder Reparaturtipps. Beispiel: Der Pizzaproduzent Domino’s informiert seine Kund*innen mit aufgedruckten QR-Codes über die Recyclingmöglichkeiten seiner Kartons. Verpackungen werden damit zu Informationsschnittstellen – und im besten Fall zu Wegweisern für nachhaltigeres Verhalten, indem sie etwa die Effizienz von Sortier- und Recycling-Systemen verbessern.
Was wiederum die Frage aufwirft, wie sich die smarten – meist elektronischen Komponenten – eigentlich am besten recyceln lassen. Viele Hersteller arbeiten dafür an batteriearmen oder batterielosen Lösungen, gedruckter Elektronik oder der Kombination digitaler Funktionen mit biologisch abbaubaren Materialien. Erst wenn solche Technik breit eingesetzt werden kann, kommen Nachhaltigkeit und digitale Services in Sachen Verpackung effizient zusammen.
Mehr lesen?
- Nachhaltigkeit bei OTTO: https://www.otto.de/unternehmen/de/verantwortung-otto/nachhaltigkeit-bei-otto
- Merkblatt für Unternehmen zur „Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK: https://www.dihk.de/resource/blob/128168/a5682083c196b98fbc86d2e49d57af05/klima-dihk-merkblatt-verpackungsverordnung-ppwr-data.pdf
