Herr Bosselmann, für das vergangene Jahr 2025 rechnet der BPEX mit einem Volumen von rund 4,37 Milliarden Sendungen. Das wäre zwar ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr – aber weniger, als Sie noch im vergangenen Frühjahr prognostiziert hatten. Welche Gründe sehen Sie für die gedämpfte Entwicklung?
Marten Bosselmann: Zunächst mal ist die gute Nachricht, dass der Paketmarkt in einem schwierigen Umfeld überhaupt noch zulegt. Aber es stimmt: Die Dynamik wurde gebremst. Der KEP-Markt ist der Seismograf der deutschen Wirtschaft. Deshalb spüren wir die Folgen von Handelssanktionen, zunehmender staatlicher Regulierung und einer nunmehr ins dritte Jahr gehenden wirtschaftlichen Stagnation besonders schnell und besonders deutlich. Sobald in großen Industrien weniger produziert, verschoben oder investiert wird, merken wir das unmittelbar.
Selbst im Weihnachtsgeschäft, dem traditionellen Turbo der Branche, sind die Sendungsmengen 2025 nur um ein bis zwei Prozent gestiegen – was faktisch ein Stillstand ist. Die genauen Zahlen zum Gesamtjahr 2025 werden wir im Sommer vorlegen, aber ich gehe nicht davon aus, dass sich an den Fundamentaltrends etwas ändert.
Welche Unterschiede gibt es zwischen den Segmenten?
Marten Bosselmann: Von den Menschen werden Paketdienste vor allem über den B2C-Bereich wahrgenommen – wir haben mehr als 130.000 Zustellerinnen und Zusteller im Einsatz, jeder kennt uns. Dieses Segment zeigt sich mit einem Plus von knapp zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr auch robust. Denn es wird immer mehr online bestellt, die Bevölkerung wird netzaffiner.
Der B2B-Bereich dagegen ist weniger sichtbar, macht aber ungefähr 35 Prozent der Sendungen aus und ist gewissermaßen das Rückgrat der Paketdienstleister. Wenn hier Branchen wie Automobil, Maschinenbau oder Chemie schwächeln und beispielsweise weniger Ersatzteile bestellen, schlägt das direkt auf die Paketmengen durch. Das ist aktuell der Fall. Das Wachstum insgesamt ist aufgrund dieser unterschiedlichen Entwicklungen in den Bereichen sehr moderat – trotz der hohen Konsumentennachfrage.
„Die Menschen möchten weniger Aufwand, mehr Kontrolle und Wahlmöglichkeiten“
Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf das laufende Jahr?
Marten Bosselmann: Es gibt auch positive Signale. Die Otto Group etwa konnte während der Black Week 2025 um 2,5 Prozent wachsen, am Black Friday selbst sogar um zehn Prozent. Das zeigt: Wenn das Angebot stimmt, sind die Menschen auch bereit zu kaufen. Zudem gehen mittelfristige Prognosen davon aus, dass das Sendungsvolumen bis 2030 jährlich im Durchschnitt um 3,2 Prozent zulegen werden. Wir haben also ein stabiles Fundament. Aber: Alles hängt am Wirtschaftswachstum. 2025 wurden die Prognosen wie bereits anfangs thematisiert immer wieder nach unten korrigiert – wenn sich dieser Trend nicht umkehrt, sind die Aussichten auch für uns nicht allzu rosig.
Verlassen wir mal die Welt der Zahlen. Welche großen Trends werden die Paketlogistik 2026 und darüber hinaus prägen?
Marten Bosselmann: Ganz allgemein gesprochen: Logistik wird in allen Bereichen immer selbstverständlicher werden. Die Interaktion mit den Kundinnen und Kunden wird nahtloser, digitale Services müssen intuitiv und schnell funktionieren. Je geräuschloser Logistik ist, desto besser.
Convenience ist also nicht mehr wegzudenken und ist als erster wichtiger Trend zu nennen. Die Menschen möchten weniger Aufwand, mehr Kontrolle und Wahlmöglichkeiten. Und das bedeutet: mehr Out of Home. Paketshops, Paketautomaten und smarte Locker werden in den kommenden Jahren massiv zulegen. Vor allem in urbanen, verdichteten Regionen erwarten wir bis 2030 ein überdurchschnittliches Wachstum auf einen Marktanteil von 25 bis 30 Prozent. Für die Dienstleister bedeutet das weniger Zustellfahrten, geringere Kosten und höhere Effizienz. Und für Kundinnen und Kunden mehr Flexibilität, nach dem Motto „Warten Sie nicht auf Ihr Paket – Ihr Paket wartet auf Sie.“
Der zweite Großtrend ist natürlich die Automatisierung: intelligente Sortiersysteme, automatische Routenoptimierung, bessere Lagerlogistik. Hier gibt es eine Menge spannender Projekte: zum Beispiel Roboter-Ameisen, also kleine autonome Fahrzeuge, die schwere Lasten bewegen und die Mitarbeitenden entlasten.
Dabei spielt Künstliche Intelligenz sicher eine entscheidende Rolle.
Marten Bosselmann: In der Logistik ist KI längst kein Buzzword mehr, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit: Wir müssen effizienter werden, weil Personal immer knapper wird. Deshalb wird KI zum Kern jeder modernen Logistikkette, von Mengenprognosen über intelligente Wartung von Fahrzeugen bis zur automatisierten Beantwortung von Kundenanfragen. Die KI hilft auch, den dritten großen Trend buchstäblich auf die Straße zu bringen: die Elektrifizierung.
Hier gilt die KEP-Branche als Vorreiter.
Marten Bosselmann: In der Tat. So früh und so effizient hat niemand anderes E-Fahrzeuge eingesetzt. Der Anteil elektrischer Fahrzeuge ist seit 2016 von drei auf 21 Prozent angestiegen. Insgesamt stimmt der Kurs in Richtung Klimaneutralität. Aber: Herausfordernd bleiben nach wie vor die hohen Anschaffungskosten und die Ladeinfrastruktur – doch die Entwicklung wird weitergehen.
Deshalb glaube ich, dass die Unternehmen in den kommenden Jahren auch weiterhin in alle drei genannten Bereiche investieren werden: Out of Home-Infrastruktur, Automatisierung und Robotik, sowie E-Mobilität.
„Modernes Leben ohne funktionierende Logistik ist schlicht nicht denkbar“
Wie werden die Erwartungen von Kund*innen die KEP-Logistik verändern?
Marten Bosselmann: Sie spielen natürlich eine entscheidende Rolle, und da sind wir wieder beim Thema Flexibilität. Wer etwas bestellt, will das Paket möglichst schnell, aber umweltfreundlich und am liebsten kostenlos. Letzteres geht natürlich nicht. Meine Prognose – man könnte auch sagen: meine Empfehlung – ist: Wir werden noch mehr Differenzierung in den Produkten sehen.
An der Spitze stünde dann etwa das Premium-Produkt: Same Day Delivery an die Haustür. Das muss aber nicht der Standard sein, denn es ist wichtig, den Kundinnen und Kunden Wahlmöglichkeiten zu bieten. Zum Beispiel mit sogenannten Slow Lines: Da dauert die Lieferung dann etwas länger, ist aber garantiert umweltfreundlich. Das ist eine elegante Möglichkeit, das Nachhaltigkeits- mit dem Kostenthema zu verbinden.
Umgekehrt würden Express Lines funktionieren, zum Beispiel im B2B-Bereich, wo eilige Medikamente oder Dokumente verschickt werden. Oder bei B2C für jemanden, der am nächsten Tag in die Oper will und noch dringend einen Anzug braucht, den er online bestellt. Das geht alles – kostet aber dann etwas mehr.
Eine dank KI und E-Mobilität optimierte Logistik, die sich mit maßgeschneiderten Angeboten nahtlos in den Alltag einfügt – das klingt vielversprechend. Welche Risiken könnten dem entgegenstehen?
Marten Bosselmann: Zum einen natürlich die Konjunktur, wie eingangs beschrieben. Zweitens der Fachkräftemangel. Und drittens eine gewisse Begeisterung der Politik für Regulierung, was – gelinde gesagt – wenig hilfreich ist. Für Paketdienstleister wird es immer schwieriger, kostendeckend zu arbeiten. Die Berichtspflichten sind zum Teil redundant, die Bürokratie oft realitätsfern. Ein Beispiel ist die Diskussion über eine Gewichtsbeschränkung von Paketen auf 20 Kilogramm: Praktisch alle Unternehmen arbeiten längst mit technischen Hilfsmitteln. Ein Verbot schafft hier keinen Mehrwert.
Immerhin soll 2026 der EU Delivery Act kommen, von dem wir als Branche uns eine Harmonisierung und auch Erleichterung der Regulatorik erhoffen. Insgesamt braucht es aber ein grundlegend anderes Denken: Regulierung sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, wie Klimaschutz und soziale Standards. Und auf unnötige Eingriffe in Geschäftsmodelle verzichten. Die Paketbranche ist eine der wenigen Wachstumsbranchen in Deutschland. Wir sind bereit zu investieren – wenn man uns lässt.
Wenn Sie den Akteuren am Markt einen Tipp geben dürften, welcher wäre das?
Marten Bosselmann: Ganz einfach: Image, Image, Image. Was die Paketbranche tut, gehört zur Grundversorgung, durchaus vergleichbar mit Lehrern oder Ärzten. Modernes Leben ohne funktionierende Logistik ist schlicht nicht denkbar. Diesem Anspruch werden wir gerecht und müssen das auch zukünftig sicherstellen. Deshalb mein Rat: Reputation ist alles! Und zwar nicht in Hochglanzbroschüren, sondern im Alltag – da, wo wir als Branche bei den Kundinnen und Kunden sichtbar und präsent sind. Wenn die Menschen noch stärker erleben, dass wir zuverlässig, fair und respektvoll handeln, dann zahlt das unmittelbar auf das Ansehen der gesamten KEP-Welt ein.
Vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Informationen:
Überblick, Hintergründe und Zahlen bietet die KEP-Studie 2025 des BPEX:
https://bpex-ev.de/files/biek/downloads/papiere/BPEX_KEP-Studie_2025.pdf
Die nächste KEP-Studie erscheint im Juni 2026 auf bpex-ev.de.
