Frauen in der Logistik „Für Kulturwandel braucht man eine klare Zielrichtung“

Ezimena Fliedner leitet in der Hermes-Zentrale in Hamburg das Kulturwandel-Team. Die 38-Jährige ermutigt die Kolleg*innen auf ganz unterschiedlichen Wegen, sich persönlich einzubringen, damit Arbeit sinnstiftender, besser und effizienter wird.

Ezimena Fliedner, Lead Cultural Change bei Hermes Germany (Foto: Hermes)

Die Logistik gilt nach wie vor als Männerdomäne. In unserer Serie „Frauen in der Logistik“ möchten wir regelmäßig Kolleginnen aus den unterschiedlichsten Bereichen in der Logistik vorstellen. Den Anfang macht Ezimena Fliedner. Sie leitet in der Hermes-Zentrale in Hamburg das Kulturwandel-Team und erläutert: Was bedeutet Kulturwandel? Wie sieht das konkret bei Hermes aus?


If you watch the video, data will be transmitted to the provider of the content.


Ezimena, was bedeutet „Kulturwandel“ für dich persönlich?

Ezimena Fliedner: Es geht grundsätzlich darum, als Unternehmen immer besser zu werden – und zwar durch die Auseinandersetzung mit kulturellen Aspekten sowie der Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten. Was den Kulturwandel für mich persönlich auszeichnet und so spannend macht, ist der Austausch mit den Menschen. Und das sind eine ganze Menge bei uns. Wir haben mehr als 5.000 Mitarbeiter*innen deutschlandweit. „Miteinander sprechen“ bedeutet für mich dabei nicht nur nett quatschen und Kaffeetrinken, sondern, dass die Gespräche stets zielgerichtet sind. Es geht darum zu verstehen, was die Kolleg*innen bewegt.

Ein genauso großer Teil in meinem Job ist die Konzeptarbeit: Auf Basis dessen, was ich wahrnehme und was mir zurückgemeldet wird, gepaart mit fachlichem Wissen und wissenschaftlichen sowie praktischen Erfahrungen, leite ich gezielt Maßnahmen ab.

Du sorgst also für gute Stimmung?

Ezimena Fliedner: Nicht unbedingt. Ich bin keine Feelgood-Managerin, das ist eine ganz andere Baustelle. Ein Kickertisch oder ein Obstkorb für die Mitarbeiter*innen erzielen in meinem Bereich noch keine Wirkung. Das sorgt für gute Stimmung, aber das bedeutet nicht zwangsweise eine wirksame Zusammenarbeit.

Beim Kulturwandel geht es aber darum, unsere Wirksamkeit miteinander zu verbessern. Das bedeutet konkret: Es ist nicht nur gewünscht, sondern auch eine wichtige Voraussetzung, Probleme im Arbeitsalltag klar anzusprechen, damit wir Situationen verändern und verbessern können. Wichtig ist die Bereitschaft, sich beteiligen zu wollen. Ich verstehe meine Rolle darin, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Kolleg*innen sollen gestärkt werden, damit sie für ihre eigenen Themen einstehen.

Das klingt nach einer Aufgabe, die sich nicht allein bewältigen lässt. Wie ist Hermes aufgestellt?

Ezimena Fliedner: Nein. Die Umsetzung von Veränderungen ist ein Prozess und gelingt nur im Netzwerk. Damit echter und nachhaltiger Kulturwandel entsteht, muss Vieles zusammenkommen. Wir haben bei Hermes die Herausforderung, dass viele Kolleg*innen über viele Standorte in Deutschland verteilt tätig sind.

Ich arbeite in einer Art Stabstelle, in einem kleinen Team aus drei Personen. Wir haben den ganzheitlichen Blick auf Hermes und gestalten den Gesamtprozess. Und dann gibt es im ganzen Unternehmen zahlreiche Kulturwandel-Multiplikatoren, die bei der Umsetzung begleiten und Impulse geben. Einige der Kolleg*innen haben etwa spezielle Zielgruppen im Fokus, wie unsere Kolleg*innen der Areas oder aus dem gewerblichen Bereich. Hinzu kommen die Kolleg*innen im Personalwesen, also HR, und in der Kommunikation, die aus ihrer spezieller Fachsicht heraus auf das Thema gucken.

Was braucht es denn, damit sich Dinge verändern? Nettere Chefs? Mutigere Angestellte?

Ezimena Fliedner: Für einen Wandel betrachten wir idealerweise ganzheitlich drei Themen: Strategie, Kultur und Struktur. In alten Strukturen beispielsweise kann nichts Neues entstehen. Das heißt, wir müssen auch prüfen, welche strukturellen Veränderungen es braucht. Das wird häufig immer noch unterschätzt. Mehr Eigenverantwortung als Ziel auszurufen und dann etwa Führungshierarchien aufzubauen oder formelle Entscheidungskompetenzen zu reduzieren, wäre ein Widerspruch.

Zudem braucht es eine klare Zielrichtung für den kulturellen Wandel. Wo soll die Veränderung hin? Welche Kultur brauchen wir dafür? Das heißt, dass man auch an der Art, wie die Menschen arbeiten, etwas ändert.

Hast Du da ein konkretes Beispiel?

Ezimena Fliedner: Als ich 2012 zu Hermes gekommen bin, habe ich anfangs viele gleichaltrige Kolleg*innen gesiezt, das wäre heute eigentlich undenkbar für mich. Damals war das aber völlig normal und nicht unbedingt schlecht. Es kommt immer auf den Kontext an. Eine berufliche Distanz kann bestimmt auch Vorteile haben – wir haben aber gemerkt, dass bei uns die Nachteile überwogen haben. Wir wollen auf Augenhöhe wirksam miteinander arbeiten. Dabei hilft uns die Duz-Kultur. Wir arbeiten mittlerweile viel stärker crossfunktional in Teams, Projekten und Netzwerken. Es ist nicht mehr so wichtig, wer wie alt oder wer der Chef ist. Hierarchien lösen sich immer mehr auf, es geht primär um Fachexpertise und darum, welche Person sich in welchem Thema am besten einbringen kann.

Heute ist es also bei Hermes völlig normal, wenn ich als Fachexpertin vor dem Management mein Thema präsentiere. Früher haben nur Führungskräfte präsentiert, die dann vorher aufwändig gebrieft werden mussten, worum es überhaupt geht. Das macht so keinen Sinn mehr. Wir wollen schneller und möglichst effizient sein. Auch das Thema Kleidung: Früher haben Führungskräfte Anzug getragen, Mitarbeiter*innen nicht. Heute fühlen sich viele damit wohler und authentischer, wenn sie sich nicht einem bestimmten Stil unterordnen müssen.

Ist es schwierig, Kolleg*innen für den Wandel zu begeistern?

Ezimena Fliedner: Eines machen wir immer sehr klar: Kulturwandel hat keinen Selbstzweck. Wir bewegen uns in einem sehr herausfordernden Markt. Darüber hinaus passieren Entwicklungen, die wir nicht immer beeinflussen können – wie die Corona-Pandemie. Um dennoch für all diese Herausforderungen gerüstet zu sein, arbeiten wir stetig daran, uns zu verbessern. Wenn wir vermitteln können, welchen Beitrag der Kulturwandel hier leisten kann, dann können wir auch die Kolleg*innen dafür begeistern.

Zudem: Für uns ist der Kulturwandel keine leere und in Stein gemeißelte Worthülse, sondern so vielfältig wie die Menschen bei uns, die ihn auf ihre ganz eigene und persönliche Weise gestalten: Die einen braucht man nur anzustupsen und schon machen die mit und andere sind eher passiv oder einfach zufrieden mit ihrer Arbeitssituation. Einige trauen sich nicht und bringen sich gar nicht ein, andere haben zu allem was zu sagen. Wir haben unterschiedliche Formate, mit denen wir unsere Feedback-Kultur fördern wollen. Das können anonyme Umfragen, der Austausch über Microsoft Teams, Artikel im Intranet oder verschiedene Workshops sein. Mir geht es aber primär darum, dass die Menschen, die unmittelbar miteinander zu tun haben, mehr in den Austausch gehen und ihr Miteinander klären.

Gibt es so etwas wie ein „Ziel“? Oder hört der Kulturwandel niemals auf?

Ezimena Fliedner: Bei einem Wandel gibt es ständige Bewegung und Veränderung. Wir fördern aktuell ganz besonders die Werte Eigenverantwortung, Kooperation, Ziel- und Ergebnisorientierung, Kundenorientierung und grundsätzlich Vertrauen, Transparenz und Offenheit sowie Mut.

Wir haben schon erfahren, dass Du seit 2012 bei Hermes bist. Wo kommst du eigentlich beruflich her?

Ezimena Fliedner: Ich bin Diplom-Psychologin mit dem Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie. Es gibt aber auch Menschen im Bereich Kulturwandel, die einen ganz anderen Background haben und vielleicht ein BWL-Studium gemacht haben. Wichtig ist aus meiner Sicht die Weiterbildung: Ich habe mich auf systemische Beratung, Organisations- und Team-Entwicklung sowie Training fokussiert.

Und nun arbeitest Du in der Logistik – eine Branche, die als Männerdomäne gilt. Ist das für dich als Frau schwieriger, den Kulturwandel anzutreiben?

Ezimena Fliedner: Kulturwandel ist grundsätzlich ein anspruchsvolles Thema, egal wer sich damit beschäftigt. Bei vielen Kolleg*innen bei Hermes hat der Wandel bereits stattgefunden. Insofern werde ich nicht primär als Frau, sondern als Fachexpertin gesehen. Themen wie Schwangerschaft, Elternzeit oder ein Kompliment zum Aussehen werden aber von manchen Männern teilweise noch etwas ungelenk formuliert. Da merke ich oft. Für mich ist wichtig zu differenzieren: Der hat das eigentlich nett gemeint, aber ungeschickt ausgedrückt. Da braucht es dann Feedback und gegenseitiges Verstehen. So richtige Rollenklischees gibt es in meiner Wahrnehmung nicht mehr.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Nächster Artikel