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Umdenken auf der Letzten Meile: Akzeptanz für Alternativen zur Haustürzustellung ist in anderen Ländern höher

(Foto: Shutterstock)

Die Auslieferung auf der Letzten Meile belastet zunehmend den Verkehr – vor allem in den Stadtzentren. Einen großen Anteil hat der boomende Onlinehandel, der das Sendungsvolumen immer weiterwachsen lässt.

Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der in Deutschland ausgelieferten Päckchen und Pakete auf mehr als drei Milliarden verdoppelt. Bis 2021 sagt der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK) einen Anstieg auf 4,15 Milliarden Sendungen voraus.


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Diese Entwicklung treibt die Infrastrukturen vieler Städte schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen, stellen Logistikexperten der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC in einer kürzlich veröffentlichten Analyse fest. Dennoch sind die Ansprüche der deutschen Verbraucher weiter hoch: Sie legten Wert auf pünktliche und umweltfreundliche Zulieferung bis an die Haustür. Gleichzeitig wünschen sich 91 Prozent diesen Service zum Nulltarif, so das Ergebnis einer repräsentativen Erhebung für die PwC-Studie. „Diese Ambivalenz setzt die Logistikdienstleister unter Druck. Mit den Konsumentenanforderungen steigen die Logistikkosten, gleichzeitig fehlt aber die Wertschätzung für die Dienstleistung“, erklärt Dietmar Prümm, Leiter Transport & Logistik bei PwC in Deutschland. „Hier sollte ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden.“

Pick-Up oder Drive-In statt Haustürlieferung

Tatsächlich ist der deutsche Konsument an eine Qualität der Dienstleistung auf der Letzten Meile gewöhnt, die es so in vielen anderen Ländern nicht gibt. In Frankreich oder den USA etwa haben Pick-up- oder Drive-in-Modelle eine deutlich größere Bedeutung. So betreibt der führende französische Einzelhändler Leclerc gut 600 Pickup-Stationen. Fast ein Drittel der Franzosen holen ihre Online-Bestellungen an Sammelpunkten vor Ort selbst ab, ergab eine Umfrage der Strategiebertung OC&C unter Konsumenten auf verschiedenen großen Märkten. In den USA gab ein Viertel die Verbraucher an, in den sechs Monaten vor der Befragung ihre Pakete in Drive-In-Stationen eingesammelt zu haben. Während 78 Prozent der Befragten in Deutschland Hauslieferungen erhalten hatten, waren es in Frankreich lediglich 68 Prozent und in den USA gar nur 52 Prozent. In Großbritannien, Japan oder China lag dagegen wie hierzulande der Versand bis an die Haustür klar vorn.

Bei den Erwartungen an die Lieferungen zeigten sich die deutschen Konsumenten unsere Befragung im internationalen Vergleich etwas weniger fordernd. Doch würden auch hierzulande immer höhere Geschwindigkeiten und mehr Planbarkeit erwartet. Gut jeder Dritte sehe die Lieferung am Tag nach der Bestellung als kommenden Standard. „Deutsche Konsumenten sind besonders anspruchsvoll“, fassen die OC&C-Berater das Ergebnis ihrer Befragung zusammen. Ob in Deutschland das Thema Abholung eine höhere Akzeptanz und Verbreitung finde, hänge vor allem davon ab, ob die Anbieter im Onlinehandel ihren Kunden die Vorteile der Alternativen zur Haustürlieferungen glaubhaft machen können.

Das gelingt etwa Anbietern wie dem Startup NinjaVan in Singapur, die die Stadt mit einem Netz von Abholstationen und -boxen überzogen haben. Dank ausgefeilte Algorithmen lässt sich die Belieferung nicht nur hocheffizient, sondern auch so organisieren, dass die Adressaten ihre Pakete in Echtzeit verfolgen zur gewünschten Zeit am gewünschten Ort abholen können – ein Vorteil für berufstätige Städter, die tagsüber in aller Regel nicht in ihrer Wohnung sind, um Lieferungen entgegen zu nehmen. Und ein Vorteil für die Stadt, weil unnötige Fahrten und Emissionen so vermieden werden.

Platzprobleme in den Ballungsräumen

Um das steigende Aufkommen ohne zusätzliche Umweltbelastungen zu bewältigen, wünschen sich die von PwC befragten Konsumenten in Deutschland den verstärkten Einsatz von Lastenfahrrädern und Elektromobilen: Für 61 Prozent der Befragten ist der Einsatz emissionsarmer Fahrzeuge ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Dienstleisters. Deutlich skeptischer sind die Verbraucher dagegen bei anderen Innovationen – Drohnen, Zustellroboter oder Kofferraumroboter sehen sie mehrheitlich kritisch. Damit wird es allerdings schwer, die immer drängenderen Platzprobleme in den Ballungsräumen zu losen. „Knappe Lagerflächen, mangelnde Be- und Entlademöglichkeiten, strikte Zufahrtsregelungen und enge Zeitfenster für Fußgängerzonen lassen den Logistikern kaum Raum und Zeit zum Warenaustausch“, sagt Berater Prümm.

Zur Lösung des Problems empfehlen die PwC-Experten ein Bündel von Maßnahmen: Mit innovativen digitale Lösungen könnten etwa Verkehrsdaten für die Verkehrsplanung und -steuerung besser genutzt und die Kommunikation zwischen Lieferanten und Adressaten weiter verbessert werden. Doch ohne die gemeinschaftliche Nutzung von Logistikzentren (MultiHubs) oder kleineren, teils mobilen Depots (MicroHubs) im Stadtgebiet dürften sich kommende Herausforderungen kaum lösen lassen. „Es ist an der Zeit, in der städtischen Logistik neue Wege zu gehen – für lebenswerte Städte von morgen“, resümiert Prümm.

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