City-Logistik Hermes testet Paketzustellung per Lastenrad in Berlin

Gemeinsam mit DHL, DPD und weiteren Paketdienstleistern startet Hermes im Juni 2018 einen Test mit Lastenrädern in Berlin. Ausgangsbasis ist ein Mikrodepot in Prenzlauer Berg. Was erhofft sich Hermes von der Teilnahme? Wir sprachen mit Hermes-Projektleiter Michael Peuker.

So wie Liefery wird auch Hermes in Berlin bald per Lastenrad ausliefern. (Foto: Liefery)

Hermes und weitere Paketdienstleister starten im Juni 2018 einen gemeinsamen Pilottest mit Cargobikes und Mikrodepots in Berlin. Im Rahmen des rund einjährigen Feldversuchs mit dem Namen „KoMoDo“ (Kooperative Nutzung von Mikro-Depots durch die Kurier-, Express-, Paket-Branche für den nachhaltigen Einsatz von Lasträdern in Berlin) soll operativ erprobt werden, wie Lastenräder effizient in der Paketzustellung eingesetzt werden können. Was erhofft sich Hermes von der Teilnahme? Wir sprachen mit Projektleiter Michael Peuker.


Michael, Du betreust für Hermes die Teilnahme am KoMoDo-Projekt in Berlin. Was genau ist das für ein Projekt?

Michael Peuker: Bei KoMoDo (Kooperative Nutzung von Mikro-Depots durch die Kurier-, Express-, Paketbranche für den nachhaltigen Einsatz von Lasträdern in Berlin) handelt es sich um ein Zustellkonzept mit Mikrodepot, das in Prenzlauer Berg vom Berliner Senat zur Verfügung gestellt wird. Von diesem zentralen Standort aus werden wir auf der allerletzten Meile mit E-Cargobikes, also elektrischen Lastenrädern, unsere Sendungen zustellen. Das Besondere am KoMoDo-Projekt ist, dass sich erstmals die größten Paketdienste Deutschlands gemeinsam daran beteiligen. Für jeden Dienstleister werden eigene Container aufgestellt, die als Mikrodepot für einen innerstädtischen Umschlag und auch als Stellplatz für die E-Cargobikes dienen. Der Feldversuch läuft zunächst rund ein Jahr.

Warum macht Hermes bei diesem Projekt mit?

Michael Peuker, Hermes Germany

Michael Peuker: Es ist unser erklärtes Ziel, die anfallenden Emissionen im Transportverkehr kontinuierlich zu senken, insbesondere in den zunehmend verkehrsbelasteten Innenstädten. Bereits vor einiger Zeit haben wir deshalb unter dem Namen „Urban Blue“ ein umfangreiches Projekt lanciert, dessen Ziel es ist, bis 2025 im Innenstadtbereich der 80 größten deutschen Städte emissionsfrei zuzustellen. Unsere 2017 gestartete Kooperation mit Mercedes-Benz Vans zur Elektrifizierung unserer Fahrzeugflotte ist ebenso in diesem Kontext zu sehen wie beispielsweise die TRIPL-Tests in Göttingen oder der Einsatz von emovum-Elektrotransportern in Hamburg. Das KoMoDo-Projekt in Berlin ist für uns in diesem Zusammenhang eine weitere optimale Ergänzung und passt perfekt in unsere Unternehmensstrategie.

Keine Emissionen, kein Parkplatzstress

Welche Vorteile bieten Lastenräder in der Paketzustellung gegenüber konventionellen Fahrzeugen?

Michael Peuker: Mit E-Cargobikes, wie sie bald in Berlin zum Einsatz kommen, dürfen wir auf Radwegen an Staus vorbei- bzw. in vielen Einbahnstraßen in beiden Richtungen fahren. Das vereinfacht den Betrieb spürbar. Auch die Parkplatzproblematik, mit der die Boten z.B. aufgrund fehlender Ladezonen in den Innenstädten zu kämpfen haben, wird entschärft. Zudem reduzieren sich für den Boten die Laufwege. Heute muss ein Pakettransporter womöglich ein oder mehrere Blocks weit weg geparkt werden, den Rest erledigt der Bote dann zu Fuß. Lastenräder hingegen können oft direkt vor die Haustür fahren und sind obendrein nicht führerscheinpflichtig – damit könnten wir perspektivisch sogar weitere Zielgruppen in dem bekanntlich angespannten Zustellermarkt ansprechen.

Wenn E-Cargobikes doch so praktisch sind: Warum setzt Hermes nicht längst solche Fahrzeuge ein?

Michael Peuker: Weil ein effizienter Betrieb durchaus Hürden mit sich bringt. Die sicherlich entscheidendste ist, dass der Einsatz von Lastenrädern ohne Mikrodepots nicht funktionieren wird. Sprich: Bevor wir über einen flächendeckenden Einsatz von E-Cargobikes nachdenken können, brauchen wir erst einmal Flächen – und die sind bekanntlich rar und teuer, besonders in den Städten. Berlin geht hier als positives Beispiel voran und ermöglicht in dem aktuellen Projekt die Bereitstellung solcher dringend benötigten Flächen.

Was für Fahrzeuge wird Hermes einsetzen? In welchem Radius kommen sie zum Einsatz?

Michael Peuker: Der Vorteil des Mikrodepots im Berliner Mauerpark ist ja, dass wir direkt im Zustellgebiet starten und daher per se sehr kurze Wege haben. Der Einsatzradius der Fahrzeuge wird daher nicht größer als zwei Kilometer sein. Für die Fahrzeugauswahl ist das ein ganz entscheidender Punkt. Welche Räder wir einsetzen werden, können wir Ende Mai sagen, sobald das Projekt durch die Berliner Verkehrssenatorin offiziell gestartet worden ist. Soviel sei aber verraten: Die Fahrzeuge sind echte Hingucker und haben neben dem Elektroantrieb viele weitere Extras in petto, z.B. Wechselcontainer, Funkfernbedienung, Überdachung oder auch eine USB-Ladefunktion.

Steht im Rahmen dieses Projekts auch eine Kooperation bei der Auslieferung zur Diskussion, sprich: Liefert Hermes in Berlin bald auch DHL-Pakete aus?

Michael Peuker: Nein, in dem jetzt startenden Projekt ist eine derartige Kooperation nicht vorgesehen. Wir teilen uns das Grundstück mit DHL, DPD und weiteren Paketdiensten. Die eigentliche Zustellung aber koordiniert jedes Transportunternehmen für sich, auch weil die Zustellprozesse der einzelnen Teilnehmer stark differieren.

„Viel Bewegung im Markt“

Welchen Mehrwert bieten Mikrodepots einem Logistiker wie Hermes?

Michael Peuker: Mikrodepots sind für uns von zentraler Bedeutung, wenn es um den Aufbau einer modernen, zukunftsfähigen Innenstadtlogistik geht. Sie verkürzen die Wege und ermöglichen den Einsatz alternativer Zustellfahrzeuge, die in einem klassischen Logistiksystem nicht betrieben werden könnten.

Dazu muss man wissen: In der Vergangenheit kam es in einem Logistiksystem mit einem bundesweiten Netz aus Verteilzentren weniger auf eine Innenstadtlage an, als vielmehr auf eine gute Erreichbarkeit per Autobahn. Viele unserer Standorte wurden deshalb sehr bewusst außerhalb oder am Rande der Städte angesiedelt, um die Zuliefererverkehre aus dem Stadtgebiet fernhalten zu können. Mikrodepots hingegen müssen in hochfrequentierten Zustellgebieten aufgebaut werden, sodass auf den kurzen Wegen alternative Fahrzeuge wie E-Cargobikes eingesetzt werden können. Die Mikrodepots dienen dabei als Umschlagfläche, um die Sendungen auf die einzelnen Lastenräder zu verteilen und als Parkplatz mit Akku-Ladestation für die E-Cargobikes.

 Wie sind Eure Erfahrungen mit Lastenrädern in anderen Städten?

Michael Peuker: Das jetzt in Berlin startende Projekt ist für Hermes das bislang umfangreichste seiner Art. Vorherige Tests mit Lastenrädern, die u.a. im Hamburger Schanzenviertel bereits vor mehreren Jahren zum Einsatz kamen, waren für uns zwar in vielerlei Hinsicht aufschlussreich, konnten aber mit Blick auf Effizienz und Technik nicht fortgesetzt werden. Auch das Ladevolumen war seinerzeit noch unzureichend. Hier ist mittlerweile allerdings viel Bewegung im Markt, da neben spannenden Start-ups auch Hersteller mit Nähe zum Automotive-Bereich passendere Cargobikes anbieten.

2017 hat Hermes in Göttingen einen E-Scooter der Marke TRIPL getestet. Wäre das nicht auch was für Berlin?

Michael Peuker: Für den jetzigen Test in Berlin kommt das TRIPL nicht infrage, da Hermes aufgrund der hochverdichteten Wohnviertel im Umkreis und der daher entsprechend hohen Sendungszahl Fahrzeuge mit größerem Ladevolumen benötigt. Andernfalls wäre für uns ein wirtschaftlicher Betrieb nicht möglich. Doch genau darum muss es gehen: Wir möchten mit dem KoMoDo-Projekt in Berlin einen ernsthaften Business- und keinen Showcase aufstellen. Der Test soll zeigen, ob und wenn ja, wie der Einsatz von E-Cargobikes wirtschaftlich und operativ sinnvoll in unser bestehendes Geschäftsmodell eingeflochten werden kann. Das gilt es zu prüfen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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