Moderne Verkehrskonzepte Unterwegs in der Zukunft

In vielen großen Städten ist längst klar: so kann es nicht weiter gehen. Die Städte ersticken im Verkehr, neue Ideen und Modelle müssen her. Ob Carsharing oder Skycycle, von autofrei bis fahrerlos, in den Megacities gibt es zahlreiche Versuche, das Leben wieder lebenswert zu machen. Ein Report über die aussichtsreichsten Ideen.

Selbst am autofreien Sonntag verzichten die Chinesen nicht auf ihr Auto und verstopfen wie hier im Pekinger Stadtteil Guomao die Straßen. (Foto: action press)

Von Volker Kühn

In vielen großen Städten ist längst klar: so kann es nicht weiter gehen. Die Städte ersticken im Verkehr, neue Ideen und Modelle müssen her. Ob Carsharing oder Skycycle, von autofrei bis fahrerlos, in den Megacities gibt es zahlreiche Versuche, das Leben wieder lebenswert zu machen. Ein Report über die aussichtsreichsten Ideen.

Man kann es natürlich machen wie Eike Batista. Irgendwann musste der schwerreiche Brasilianer einsehen, dass sein Lamborghini im Stau von Rio de Janeiro auch nicht mehr wert war als die klapprigen Kleinwagen seiner Landsleute. Also nahm er einfach den knallgelben Helikopter, wenn er die Zentrale seines Firmenimperiums erreichen wollte. Aber eine echte Lösung ist das natürlich nicht. Und das keineswegs nur, weil Batistas Holding EBX inzwischen in Schieflage geraten ist und er den Helikopter verkaufen musste (genauso wie den Lamborghini). Sondern vor allem, weil es nichts am Schicksal der ungezählten Pendler ändert, die sich durch die überfüllten Straßen Rios quälen und nicht mehr tun können, als wahlweise sehnsüchtige oder hasserfüllte Blicke nach oben zu schicken, wenn die Superreichen wie einst Batista über sie hinwegknattern.

Auch Deutschland leidet am Dauerstau

Der Dauerstau: Längst ist er zu einem globalen Problem geworden. Ob Rio oder Johannesburg, Paris, Moskau oder Peking, fast alle Metropolen der Welt erreichen jeden Tag aufs Neue zur Rushhour den Punkt, an dem nichts mehr geht. An dem die endlosen, stinkenden Blechlawinen keinen Abfluss mehr durch die verstopften Straßen finden. Das gilt auch in Deutschland: Für Autofahrten in den Großstädten und Ballungszentren des Landes haben Verkehrsexperten ein Durchschnittstempo von gerade mal zwölf Stundenkilometern errechnet – zu oft herrscht kompletter Stillstand. Ein Berufspendler in Stuttgart etwa verliert laut einer Studie des Navigationsgeräteherstellers TomTom aufs Jahr gerechnet zehn volle Arbeitstage im Stau. Und der Verkehr nimmt weiter zu. Denn selbst wenn Deutschland insgesamt eine sinkende Bevölkerungszahl prognostiziert wird, wachsen Metropolen wie Hamburg, Berlin oder München auch künftig noch. Mehr Einwohner, mehr Autos, mehr Unfälle, mehr Staus, mehr CO2-Ausstoß – ein Ausweg aus der Spirale scheint nicht in Sicht.

Auch Paketdienste arbeiten an Lösungen

Oder vielleicht doch? Es gibt durchaus Hoffnung – Anzeichen dafür, dass der Verkehr irgendwann wieder flüssiger durch unsere Städte fließen wird. Dass die Menschen auch in wachsenden Metropolen wieder entspannter von A nach B kommen. In Deutschland beschäftigen sich auch die Paketdienste mit Lösungen. Durch den E-Commerce-Boom steigt die Zahl der Pakete und damit auch die Zahl der Transporter, die in den Ballungsräumen unterwegs sind. Ein erster Ansatz ist, die Busspuren für jene Paketdienste freizugeben, die Elektrofahrzeuge oder Fahrzeuge mit anderen alternativen Antrieben nutzen. Hermes-Chef Hanjo Schneider kann sich aus Verantwortung für die Umwelt sogar vorstellen, dass sich seine Firma bei der Zustellung Fahrzeuge mit der Konkurrenz teilt.

Doch das kann nicht alles sein. Überall auf der Welt tüfteln Verkehrsexperten und Stadtplaner an der Mobilität der Zukunft. Manche ihrer Ideen sind radikal, visionär – und womöglich zu abgedreht, um je Realität werden. Andere kommen unspektakulär daher, pragmatisch, bewähren sich aber bereits in der Praxis. Zum Beispiel in Bogotá. Mindestens acht Millionen Menschen leben in der kolumbianischen Hauptstadt und ihren Vororten, kaum eine Metropole Südamerikas wächst schneller. U-Bahnen oder Straßenbahn? Gibt es hier nicht. Dafür aber den TransMilenio.

TransMilenio in Bogotà: 1,5 Millionen Passagiere täglich

Unter diesem Namen führte die Stadt vor 14 Jahren ein System aus 1400 roten Expressbussen ein, die seither in engem Takt auf eigenen Fahrstreifen samt Überholspur am Dauerstau der Anden-Stadt vorbeiziehen. Viele der Gelenkbusse bestehen aus drei Teilen und bieten bis zu 250 Fahrgästen Platz. 1,5 Millionen Passagiere nutzen den TransMilenio täglich, das Streckennetz misst mehr als 100 Kilometer. Zwar gibt es auch Kritik, weil die Busse mit Diesel fahren und nicht bereits elektrisch, doch die Luftqualität in Bogotà hat sich durch sie stark verbessert. Gerade für Schwellenländer, in denen der Bau einer U-Bahn zu teuer wäre, ist der TransMilenio ein Vorbild.

San Francisco: Parkplatz finden per App

Einen ganz anderen Weg im Kampf gegen den Stau ist San Francisco gegangen. Dort hatten die Stadtplaner erkannt, dass bis zu ein Drittel des Verkehrs der Suche nach einem Parkplatz geschuldet war. Um solche Fahrten zu minimieren, installierten sie 2010 unter 18.000 Parkplätzen Sensoren, die melden, ob sie frei oder belegt sind. Über eine App können Autofahrer vor der Fahrt kontrollieren, ob sie im Zielgebiet einen Parkplatz finden werden – und gegebenenfalls auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Der Clou dabei: Die Parkgebühren schwanken je nach Nachfrage. In zugeparkten Gegenden steigen sie, während sie in anderen fallen. Sparsame Autofahrer werden so ermutigt, weiter entfernt zu parken und ein paar Schritte zu laufen. Ein Jahr nach Einführung des Systems meldete die Stadt einen Rückgang des Verkehrs – und insgesamt gesunkene Parkgebühren.

Besonders nachhaltig ist der Ansatz von Kopenhagen. Dänemarks Hauptstadt hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2025 klimaneutral zu werden und fördert dazu nach Kräften das Fahrrad. In wohl keiner anderen Stadt findet man ein besser ausgebautes Radwegnetz, mehr Fahrradparkplätze und einen so hohen Anteil von Radfahrern unter den Einwohnern. Von solchen Verhältnissen träumt auch der Stararchitekt Norman Foster in London. Er hat den SkyCycle entworfen, ein Netz aus auf Stelzen stehenden Fahrradstraßen hoch über den Dächern der Stadt. Dass es je gebaut wird, scheint angesichts prognostizierter Kosten von sechs Milliarden Euro aber unrealistisch. Die Politik will die Metropole zur Umwelthauptstadt machen, deshalb wurde die Innenstadt für den Lieferverkehr gesperrt. Das Zentrum ist nur noch für Dienstleister passierbar, die alternative Fahrzeugtechnik benutzen. Hermes hat daraufhin 55 Elektro-Transporter in Betrieb genommen und betreibt damit in London die weltweit größte elektrisch betriebene Zustellflotte in einer Großstadt.

Car2Go und DriveNow auf dem Vormarsch

Pragmatische Lösungen für den Verkehr der Zukunft kommen nicht nur von den Stadtverwaltungen, sondern auch aus der Wirtschaft. Bestes Beispiel in Deutschland sind die boomenden Carsharing-Dienste hinter denen Anbieter wie BMW, Daimler oder die Deutsche Bahn stehen. Auch die digitale Vernetzung von Autos bietet große Chancen. Wenn Autos untereinander kommunizieren, wenn sie Informationen aus Verkehrsleitzentralen bekommen und mit Ampelanlagen interagieren, lassen sich Fahrten sinnvoll planen und Staus vermeiden. Die Technik dazu ist bereits vorhanden. Selbst aus dem staugeplagten Rio kommt eine interessante Idee. Im Fernsehen berichtete kürzlich ein Armeemajor, dass er täglich aus einer Nachbarstadt nach Rio pendele – in einem Kajak über das Meer. 50 Minuten dauere das, im Auto brauche er drei Stunden. Das wäre eine Lösung, die sich eigentlich auch Ex-Milliardär Batista noch leisten können müsste.


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