Überfüllte Innenstädte Auf die Hupe gedrückt

Die Augen werden gen Himmel gedreht. Die Handflächen auf den Lenker geschlagen. Der Mund geöffnet, um »Fahr doch!« zu brüllen. Eine nachvollziehbare Reaktion, wenn wieder einmal der Lieferwagen eines Paketdienstes in der zweiten Reihe hält und so eine Fahrspur dicht macht. Oder?

In den Stoßzeiten sind die Straßen in den deutschen Innenstädten meist völlig überfüllt. (Foto: Fotolia)

Von Helmut Ziegler

Die Augen werden gen Himmel gedreht. Die Handflächen auf den Lenker geschlagen. Der Mund geöffnet, um »Fahr doch!« zu brüllen. Eine nachvollziehbare Reaktion, wenn wieder einmal der Lieferwagen eines Paketdienstes in der zweiten Reihe hält und so eine Fahrspur dicht macht. Oder?

Einerseits natürlich, schließlich wird niemand gern aufgehalten und blockiert. Andererseits, wohin sollen die Auslieferer weichen?Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich hoch, dass sich die obige Szene in einer Stadt und ihrem inneren Ring abspielt. Auf dem Lande ist mehr Platz. Die Wahrscheinlichkeit ist ebenfalls hoch, dass in unmittelbarer Laufweite kein Parkplatz zu finden ist. Einfach, weil auf je 1000 Deutsche 578 Kraftfahrzeuge (Stand: 2012) kommen, 60 mehr übrigens als noch 2010. Die müssen irgendwo stehen. Aber Platzmangel herrscht auch, weil viele Städte den Verkehr in ihren Zentren beruhigen wollen, etwa durch Umweltplaketten und eingeschränkte Zufahrtzeiten. Wobei kaum jemand etwas gegen mehr Grünflächen und ausgebaute Fahrradspuren einwenden dürfte.

Die Wahrscheinlichkeit ist drittens hoch, dass gerade online georderte Ware ausgeliefert wird. Im Jahr 2013 wurden knapp 2,7 Milliarden Sendungen verschickt, 57 Prozent mehr als im Jahr 2000. Für 2014 wird mit dem Knacken der Drei-Milliarden-Grenze gerechnet. »Als ich angefangen habe«, sagt beispielsweise Vladimir Stjepanovic, Hermes-Fahrer seit 2001, »habe ich ein bestimmtes Gebiet abgedeckt. Dieses Gebiet ist heute auf mindestens drei Fahrer aufgeteilt.«

38 Prozent mehr Warenverkehr erwartet

Mehr Autos also, weniger Platz, mehr Pakete – und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Lebten 1950 noch 70 Prozent aller Menschen auf dem Land, so wird sich dieses Verhältnis nach UNO-Prognosen bis 2050 umkehren. Ebenso wird der Warenverkehr zunehmen, das Verkehrsministerium rechnet hier mit einem Zuwachs von 38 Prozent bis 2030. Es ist demnach leicht auszurechnen, dass auch in nächster Zeit noch Kurierfahrzeuge kurz in zweiter Reihe stehen müssen. Denn Städte- und Verkehrsplaner benötigen Zeit für neue Konzepte zur Infrastruktur und können nur schwer mit einer sich so rapide verändernden Gegenwart Schritt halten. Um die bestehende Situation langfristig zu entlasten, hat Hermes einige Optimierungen bereits umgesetzt und weiter führende Vorschläge unterbreitet.

So hat jeder Kunde die Möglichkeit, alternative Lieferadressen anzugeben oder die erwünschten Artikel an einen Paketshop schicken zu lassen. 14.000 gibt es davon allein in Deutschland, in der Stadt sind fast alle in fünf Minuten zu Fuß erreichbar. Darüber hinaus bietet Hermes die Möglichkeit, Sendungen in einem speziellen Zeitfenster zustellen zu lassen – bis auf eine Stunde genau. Was den Kunden nützt, nützt auch dem fließenden Verkehr: Durch schnelles Abgeben – statt bei den Nachbarn zu klingeln, zu warten, eventuell zu verhandeln – verkürzt sich die Wartezeit.

Emissionsfreie Zustellung

Ein weiteres Beispiel: Mit 44 elektronischen Fahrzeugen stellt Hermes in London ab sofort emissionsfrei zu. Das Bemühen der britischen Hauptstadt, das Verkehrsaufkommen und den Co2-Ausstoß zu reduzieren, wird so unterstützt – aber die Elektroflotte von Hermes benötigt auch etwa 40 Prozent weniger Parkfläche. Helfen könnte auch, gäben Städte und Gemeinden Busspuren und Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs für elektronisch betriebene Kurierfahrzeuge frei. Natürlich wäre das Problem auch damit nicht endgültig gelöst, aber ein weiteres Mal reduziert. Wer dennoch hinter einem in zweiter Reihe parkenden Lieferwagen steht, mag sich zum Zeitvertreib vielleicht fragen, ob er in einer Großstadt wohnt. Ob er selbst in einem Auto sitzt. Und ob er schon einmal Artikel online bestellt hat. Kann man alle Fragen mit »Ja« beantworten, ist das vielleicht ein guter Anlass, in Ruhe durchzuatmen und nicht hektisch auf die Hupe zu drücken.

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