Der Vision Van von Mercedes-Benz Vans. (Foto: Alex Kraus/Bloomberg via Getty Images)

Letzte Meile: Schafft die Logistik den Weg in die vernetzte Zukunft?

Für die Logistik bedeutet die „digitale Transformation“ – Leitmotiv der diesjährigen Marketing-Fachmesse dmexco – vor allem eins: Eine Chance, um den enormen Zuwachs an Sendungen auch in Zukunft noch bewältigen zu können. Welche Technologien und Konzepte schaffen Entlastung?

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Die Logistik ist eine dieser Branchen, die viele erst dann wahrnehmen, wenn etwas nicht funktioniert. Welche immense logistische Leistung tagtäglich von den Dienstleistern erbracht wird, deuten aktuelle Zahlen des Bundesverbands Paket- und Express-Logistik (BIEK) an: Mehr als 10 Millionen Sendungen pro Tag wurden 2016 in Deutschland befördert.

Immer mehr Sendungen sind zu bewältigen

Der E-Commerce entwickelt sich rasant. Laut BIEK-Studie wurden 2016 schon 13 Prozent mehr B2C-Sendungen verschickt als 2015 – im Vorjahr lag das Wachstum noch bei 10 Prozent. Bei steigendem Paketaufkommen wachsen auch die Herausforderungen – nicht zuletzt aufgrund der angespannten Verkehrssituation in deutschen Großstädten oder des zunehmenden Fachkräftemangels in der Logistik. Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie kann die wachsende Menge von Sendungen künftig ausgeliefert werden – und von wem?

Aktuelle Lösungsansätze und Konzepte zeigen schon heute, wohin sich die Logistik dank Digitalisierung in Zukunft entwickeln könnte. Anbieter wie Hermes bieten Endkunden Flexibilität und Transparenz mit mobilen Services wie der Paketscheinerstellung oder der Sendungsverfolgung via App. Services wie Same Day Delivery oder die Belieferung mit frischen Lebensmitteln gewinnen an Bedeutung. Aber viele dieser Dienste bedeuten auch eine höhere Komplexität und damit höhere Kosten für die Branche.

Logistik anders organisieren und steuern

Um bestehen zu können, müssen Logistikunternehmen ihre Dienstleistungen anders organisieren und steuern, schreibt das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in seiner ZF-Zukunftsstudie 2016.

Anstatt Same-Day-Lieferungen wie Kurierfahrten zu behandeln, könnte man sie in einem festen Zeitfenster bündeln – zum Beispiel zwischen 18 und 20 Uhr – und in dieser Zeit in Sammelfahrten abarbeiten. Und um schnelle Touren besser auszulasten, könnten Dienstleister Expresslieferungen für den lokalen Einzelhandel anbieten. Mit diesem Konzept punktet Uber gerade in den USA: Hier können Blumenhändler, Bäcker und Boutiquen das nächste freie Uber-Auto anfunken, um eine kleine Sendung mitzunehmen. Und das deutsche Startup Packator vermittelt freie Kapazitäten in Logistikfahrzeugen.

Der Supermarkt wird zur Verteilerstation

Das Beispiel zeigt: Logistik könnte auch über lokale Einzelhändler stattfinden. Die Belieferung mit Convenience-Produkten und Lebensmitteln etwa wird bereits jetzt von Akteuren wie REWE dezentral organisiert. Der Supermarkt wird zur Verteilerstation, an dem die Bestellung des Kunden zusammengestellt wird. So müssen Lieferungen nur noch über kurze Strecken mit Kleinfahrzeugen bewegt werden. Oder der Kunde holt die online bestellte Ware fertig gepackt ab (Click and Collect).

Wie man am besten dezentrale Lager organisiert, die näher am Endkunden sind, ist eine der großen Innovationsaufgaben der Branche, sagen Experten wie Jürgen Glaser, Prokurist der Süderelbe AG – etwa die so genannten Dark Stores: kleine Lager von Supermarktgröße, in denen Bestellungen zusammengestellt und ausgeliefert oder abgeholt werden. Amazon experimentiert hier mit LKW, die bereits beladen sind mit den Waren, die wahrscheinlich demnächst vor Ort bestellt werden (antizipatorische Logistik).

3D-Druck verändert Lieferketten

Potenzial sieht das Fraunhofer IML auch in der schnellen Entwicklung des 3D-Drucks. Schon jetzt nutzen beispielsweise deutsche Autohersteller diese Technik bei der Prototypenherstellung und in der Serienfertigung. Wenn immer mehr Ersatzteile und andere Waren vor Ort ausgedruckt werden können, würde das ganze Lieferketten verändern: Es müssten nur noch wenige Werkstoffe in regionalen Druckzentren gelagert werden, von denen dann die fertigen Teile auf kurzen Wegen an die Endkunden geliefert würden.

Lieferroboter oder Drohne – wie sieht die Zustellung von morgen aus?

Nur wie wird in Zukunft geliefert? Per Drohne, Lieferroboter oder autonomem Fahrzeug? Mit Elektroautos oder Lastenfahrrädern? Experten sagen: Es wird kein Allheilmittel geben, je nach lokalen Gegebenheiten kommen ganz verschiedene Lösungen infrage. Die ersten Modellversuche zeigen Chancen, aber auch Grenzen verschiedener Techniken auf.

Beispiel Drohne: So verlockend die Vision ist, dass Minihubschrauber in Minutenschnelle Pizza und andere Güter liefern – die Reichweite ist begrenzt und es bestehen zudem Sicherheitsbedenken. Und dann sind da die unbequemen Details: Wo soll die Ware abgesetzt werden? Und zwar so, dass sie niemand abgreifen kann? Wie würden Stadtbewohner auf das Surren hunderter Drohen reagieren, die sich dann womöglich noch in die Quere kommen? Das Fraunhofer IML sieht Drohnen vor allem als ein Nischentransportmittel für besondere Waren, schwierige Strecken und Ausnahmesituationen, etwa Open-Air-Festivals.

Zusammenspiel von Technologien

Mercedes hat 2016 die Konzeptstudie „Vision Van“ vorgestellt – ein Elektro-LKW, der auf dem Dach zwei Drohnen mitführt, für kurze Auslieferungsflüge auf den letzten Metern und in Sichtweite des Fahrers. Dies zeigt, wie verschiedene technologische Ansätze zusammenspielen können und wie Technik mit dem Menschen interagieren kann.

Autonome Fahrzeuge könnten zudem einen Beitrag zur Lösung des zunehmenden Mangels an qualifizierten Fahrern leisten. So könnten autonome Fahrzeuge von Zustellern begleitet werden, die gar keinen LKW-Führerschein haben.

Eine andere Innovation zum autonomen Fahren testet Hermes mit dem Zustellroboter des lettischen Startups Starship Technologies auf der letzten Meile. Aktuell werden die Roboter in London für die Abholung von Retouren und Paketen eingesetzt. Die Abholung erfolgt in einem frei wählbaren 30-Minuten-Zeitfenster. Potenzial sieht das Fraunhofer IML hier vor allem in kleineren und mittleren Städten, wo der Roboter mehr Raum hat und technikaffine Stadtflüchter die leise und saubere Lieferung zu schätzen wissen.

All diese Konzepte zeigen: Digitale Transformation trägt zu einer dezentraleren Logistik mit einer zunehmenden Vernetzung bei.