Smarte Technologien: Wie KI in der Paketlogistik die Effizienz steigern kann

KI kann dabei helfen, Lösungen für die Verkehrsentwicklung in Innenstädten zu finden (Foto: Hermes Germany).
Herr Friedrich, Ihr Team erarbeitet KI-Lösungen für Start-ups und große Unternehmen aus der Zustelllogistik. Wie groß ist das Potenzial dafür?
Martin Friedrich: Sehr groß. Der Bundesverband Paket- und Expresslogistik (BPEX) etwa geht davon aus, dass das Paketvolumen in Deutschland bis 2030 ein durchschnittliches jährliches Wachstum der Sendungsmenge um 3,1 Prozent – auf dann rund 5,08 Milliarden Sendungen – ansteigt. Das ist eine Herausforderung. Denn es gibt schon jetzt zu wenige Fahrer*innen, außerdem bedeuten mehr Touren auch mehr Fahrzeuge auf den Straßen in Innenstädten. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, Lösungen zu finden.
Wie KI in der Paketlogistik die Tourenplanung optimiert
Wie kann KI denn konkret eingesetzt werden?
Martin Friedrich: Ein Punkt ist die intelligente Routenplanung. Das kann man zum Beispiel rein mathematisch optimieren. Dann rechnet man in der Regel mit Durchschnittswerten, also etwa: Ein Zustellvorgang dauert im Schnitt 2,30 Minuten und in der Innenstadt liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit bei 20 km/h. Aber mithilfe von Sensoren lassen sich die exakten Zeiten erfassen: Wie lange hat die Zustellung im zwölften Stock gedauert? Wie stark war der Verkehr in einer bestimmten Straße?

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Eine KI kann das mit weiteren Daten kombinieren, etwa einem bevorzugten Ablageort. Damit lassen sich Stoppzeiten, Reihenfolge der Stopps und Fahrtzeiten perfekt planen. Der nächste Schritt sind dann dynamische Planungen. Der Tourenvorschlag wird stetig angepasst, während der*die Fahrer*in bereits unterwegs ist. Und ein KI-Assistent verschickt eine E-Mail oder eine Push-Nachricht, wenn klar wird, dass sich die Ankunft verzögert, beispielsweise weil das Zustellfahrzeug im Stau steckt.
Lesen Sie hier, wie Hermes Germany mit weiterentwickelten und neuen digitalen Services Zustellungen noch planbarer und transparenter für Empfänger*innen macht.
Die KI hilft aber auch bei der Nachfrageprognose, damit man Kapazitäten und Fahrer*innen vorausschauend kalkulieren kann. Der Vorteil: Anders als bei Prognosen, die oft rein auf Erfahrungswerten von Personalplaner*innen basieren, sind datengetriebene Entscheidungen jederzeit nachvollziehbar und wertvolles Wissen kann personenunabhängig genutzt werden.
Allerdings muss auch klar sein: Optimierte Routen sind nicht der größte Hebel, um Zustellungen effizienter zu machen.
Der größte Hebel: Erfolgreiche Zustellungen
Warum nicht?
Martin Friedrich: Entscheidend ist, ob ein Paket tatsächlich zugestellt werden kann. Deutschlandweit sind derzeit etwa 85 Prozent der Erstversuche erfolgreich. Das ist erstmal eine hohe Zahl – aber jeder Fehlversuch kostet das Zustellunternehmen zwischen 2,50 und 4 Euro. Wenn man die Erfolgsquote nur um ein paar Prozentpunkte erhöhen kann, gehen die Einsparungen schnell in die Millionen. Das wichtigste Ziel sollte also nicht sein, Pakete so schnell wie möglich zuzustellen, sondern immer jemanden zu erreichen.
Hermes Germany konnte im Geschäftsjahr 2025/26 über 96 Prozent aller Paketsendungen beim ersten Zustellversuch abliefern. Transparenz und Flexibilität im Zustellprozess spielen dabei eine große Rolle. Wie kann KI den Paketdienstleistern helfen, die Flexibilität für Kund*innen weiter zu erhöhen?
Martin Friedrich: Ein Start-up, mit dem wir zusammenarbeiten, plant beispielsweise mit mobilen Paketstationen. Die Idee dahinter ist: Wenn 50 Menschen in einem Stadtteil angegeben haben, dass ihr Paket an eine Paketstation geliefert werden soll, ermittelt die KI einen möglichst zentralen Platz – das könnte etwa ein Supermarktparkplatz sein. Dann wird eine mobile Paketstation dorthin gefahren und die Empfänger*innen darüber informiert.
So spart man sich zum einen die Anmietung einer dauerhaften Station und zum anderen verkürzt dies die Wege für die Empfänger*innen, insbesondere in kleineren Städten, in denen es wenige Stationen gibt. Außerdem könnte man mobile Paketstationen auch automatisiert beladen, weil sie ja in einem einzigen Durchgang befüllt werden.
Das Thema KI ist längst im Alltag angekommen
Ist das heute schon alltagstauglich – oder ist das noch Zukunftsmusik?
Martin Friedrich: Die technischen Grundlagen dafür sind da. Man müsste vorhandene KI-Systeme lediglich um ein oder zwei Schritte weiterentwickeln, um sie an die konkreten Anwendungen anzupassen. Für die Unternehmen, die KI nutzen wollen, ist vor allem wichtig, dass sie so viele Informationen wie möglich speichern. Das bedeutet aber auch, dass Datenschutz und Datensicherheit zu einem großen Thema werden.
Gibt es im Bereich KI einen Unterschied zwischen Paketlogistik und anderen Transportlogistikern?
Martin Friedrich: Die Themen und die Herausforderungen sind sehr ähnlich: Entscheidend sind Tourenplanungen, Mengenprognosen und die Kommunikation mit den Kund*innen – nur dass es sich bei den Empfänger*innen in der Regel um Unternehmen handelt.
In einer Umfrage unter Logistikunternehmen im Jahr 2025 haben 84 Prozent der Befragten angegeben, dass KI eine entscheidende Rolle für sie spielt. Das sind dreimal so viele wie noch ein paar Jahre zuvor. Das Thema ist also angekommen.
Aber man muss bedenken, dass die Logistikbranche klein- und mittelständisch geprägt ist: Es gibt sehr viele Unternehmen mit zwölf oder dreizehn Fahrer*innen. Darum wissen sie oft nicht, wie sie das Thema angehen sollen, weil es an Expert*innen oder an den notwendigen Finanzen mangelt. Wir müssen deshalb überlegen, wie man den Zugang zum Thema KI erleichtert. Ein möglicher Weg wäre KI als „Software as a Service“ anzubieten.
Vielen Dank für das Gespräch!