Liefery-Gründungsteam: Nils Fischer (l.), Franz-Joseph Miller (m.) und Jan Onnenberg (r.) wollen Same Day Delivery in Deutschland zum Durchbruch verhelfen. (Foto: Liefery)

Hermes und Liefery: „Vom Nischen- zum Massenmarkt ist es oft nur ein kleiner Schritt“

Hermes beteiligt sich am Same-Day-Delivery-Spezialisten Liefery. Ein Gespräch mit Frank Rausch, CEO HLGD/HTL, und Franz-Joseph Miller, Co-Founder und Beiratsvorsitzender Liefery, über Kundenwünsche, das Paketgeschäft und die Zukunft der taggleichen Zustellung in Deutschland.

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Hermes beteiligt sich am Same-Day-Delivery-Anbieter Liefery. Weshalb? Und warum jetzt?

Rausch: Zunächst mal sondieren wir selbstverständlich jederzeit den Markt, um unser eigenes Leistungsportfolio durch Kooperationen oder innovative Geschäftsideen zu erweitern. Dafür stehen z.B. neue Geschäftsmodelle wie Send&Store oder BorderGuru, die unsere strategischen Optionen erweitern, weil sie neue Zielgruppen erschließen. Das gilt genauso für die Beteiligung an Liefery. Ab sofort können wir Interessenten für taggleiche Zustellservices dank der Kooperation ein entsprechendes Angebot machen. Ergänzend werden wir in den kommenden Monaten eigene Produkte generieren, die dann in unserem Auftrag von den Liefery-Kollegen umgesetzt werden.

Miller: Jan Onnenberg, Nils Fischer und ich haben Liefery vor gut einem Jahr mit dem Ziel gegründet, der führende Anbieter von Same Day Delivery in Deutschland und Europa zu werden. Und ein vom Wachstum getriebenes, junges Unternehmen wie Liefery benötigt selbstverständlich Kapital, um das eigene Geschäftsmodell schnell auszubauen. Aber auch operativ ist Hermes ein sehr interessanter Partner, z. B. bei Kundenkontakten, beim Vertrieb und im Tagesgeschäft. Zudem stimmt der Zeitpunkt: Der Markt für Same Day Delivery hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren stark entwickelt. Die eigentliche Skalierung liegt aber erst noch vor uns.

Kann denn auch Liefery so schnell auf eine abrupt ansteigende Nachfrage reagieren?

Miller: Wir haben 2014 mehrere große Handelskonzerne als Kunden gewonnen, deren Sendungen jeweils zu einem starken Wachstum geführt haben. Die Aufschaltung dieser Volumen haben wir immer so vorbereitet, dass der Live-Betrieb und die bestehenden Abläufe für uns kein Problem darstellten. Der Grund dafür ist unsere Technologie-Plattform: Da wir nicht jeden Auftrag händisch abwickeln, sondern eine hoch skalierbare technische Lösung entwickelt haben, können wir jederzeit schnell ein Vielfaches unseres bisherigen Volumens bewältigen. Zudem haben wir ein hervorragendes Serviceteam, das sich aktiv um die Kommunikation mit Kurieren und Kunden kümmert.

„Eigenes Same-Day-Produkt wirtschaftlich nicht sinnvoll“

Warum hat Hermes nicht selbst eine Same-Day-Schiene in die eigenen Abläufe integriert? 

Rausch: Weil wir das Geschäft selbst auf Basis unserer Strukturen weder organisatorisch noch wirtschaftlich sinnvoll betreiben können. Entsprechend ist es von Vorteil, bei der taggleichen Zustellung auf ein bereits etabliertes, professionell organisiertes Konstrukt zugreifen zu können. Und das ist Liefery mit seinen 2.500 Kurierfahrern, die je nach Standort und Anforderung auf eine Flotte aus Fahrrädern, Kleinwagen und Lieferfahrzeugen zurückgreifen, zweifelsohne. Hermes dagegen ist ein auf das Volumengeschäft spezialisierter Paketdienst. Wir schleusen in Deutschland täglich über eine Million Sendungen hocheffizient durch unsere Infrastruktur und stellen diese nach ein oder zwei Tagen an die Empfänger zu. Das sind Leistungsdaten, die noch vor wenigen Jahren im Expressdienst erbracht wurden! Wir sind also durchaus schnell, verfügen aber nicht über die systemischen Voraussetzungen eines Same-Day-Zustelldienstes, der häufig „Point2Point“-Transporte durchführt.

Was erhofft sich Hermes von der Kooperation mit einem Kurierdienst? 

Rausch: Wir erweitern unser Serviceportfolio und die strategischen Optionen. Zudem hilft uns die taggleiche Zustellung dabei, das Thema Liefergeschwindigkeit für Hermes neu zu besetzen. Denn neben Präzision und Flexibilität ist die Laufzeit ein entscheidendes Kriterium bei der Auftragsvergabe an einen Paketdienst, egal ob dieser privat oder geschäftlich erteilt wird. Insofern können sich aus der Kooperation mit Liefery positive Rückstrahleffekte für die Marke Hermes entwickeln.

Miller: Eine Anmerkung: Liefery ist kein Kurierdienst. Wir haben eine Plattform entwickelt, die über eigens entwickelte Schnittstellen zwischen unseren Kunden und den 2.500 angeschlossenen Kurieren kommuniziert und Aufträge vollautomatisch abwickelt. Zudem arbeiten wir daran, diese Technologieplattform weiter auszubauen, um z.B. den aktuellen Standort eines Kuriers oder die minutengenaue Lieferzeit an den Empfänger zu kommunizieren. So können wir effizienter arbeiten als herkömmliche Kurierunternehmen und das Sendungsvolumen wesentlich einfacher steigern.

„Beteiligung ist Kompliment für unsere Arbeit“

Was bedeutet die Investition in ein junges Unternehmen wie Liefery für Hermes?

Rausch: Die Beteiligung an Liefery oder die jüngsten eigenen Unternehmensgründungen mit BorderGuru und Send&Store zeigen, dass wir uns neuen Ideen öffnen und Hermes definitiv nicht dem „Not invented here“-Syndrom verfällt. Im Gegenteil setzen wir uns konzentriert mit den Anforderungen der Digitalisierung auseinander, entwickeln neue Services für das Kerngeschäft und versuchen auch den Spirit, der in vielen Startups gelebt wird, für und bei uns zu nutzen.

Und auf der anderen Seite: Was bedeutet die Investition für Liefery?

Miller: Für uns war es sehr wichtig einen Investor zu finden, der unsere Ziele unterstützt. Mit Hermes haben wir nun einen Partner, der mehr als nur Kapital zum Wachstum beitragen wird. Die Tatsache, dass Hermes außerdem kein Unternehmen ist, bei dem Beteiligungen zum Tagesgeschäft gehören, sehe ich als absolutes Kompliment für unsere Arbeit.

Über 800 Händler setzen auf Liefery

Vor zwei Jahren war Same Day Delivery in aller Munde. Aktuell scheint das Thema nicht mehr ganz so heiß diskutiert zu werden. Ist der Hype um die taggleiche Zustellung schon wieder vorbei?  

Rausch: Im Gegenteil. Vor zwei Jahren war Same Day Delivery primär ein Medienthema und weniger ein realer Dienst. Was muss aber zuerst da sein: Die Nachfrage oder das Produkt? Jetzt ist die Situation eine andere. Beispielsweise verfügt Liefery heute über ein etabliertes Netzwerk, das Sendungen bewegt und täglich Geschäft akquiriert. Die planerische Phase ist abgeschlossen, man hat sich professionalisiert und ist in der Wirklichkeit angekommen. Dass es dabei um den ein oder anderen mit Vorschusslorbeeren bedachten Anbieter zuletzt ein wenig stiller geworden ist, liegt in der Natur der Sache.

Miller: Ein Hype ist auch nicht immer etwas Positives. Wir haben uns aus diesem bewusst heraus gehalten und den Markt zunächst analysiert. Dabei haben wir gemerkt, dass das Thema zwar öffentlich heiß diskutiert ist, bei relevanten Händlern aber noch Überzeugung notwendig war. Die haben wir im vergangenen Jahr geleistet, was auch die Zahlen zeigen. Inzwischen vertrauen uns weit über 800 Einzelhändler aus den verschiedensten Branchen und mehr als ein Dutzend große Handelsketten.

Das öffentliche Pro und Contra zum Thema Same Day Delivery und dessen wirtschaftlicher Perspektiven in Deutschland ist derzeit noch sehr gemischt.   

Rausch: Das stimmt. Die taggleiche Zustellung ist im Vergleich zum traditionellen Paketgeschäft, in dem hierzulande über 6 Millionen Sendungen täglich bewegt werden, noch ein Nischenprodukt. Aber viele große Händler wie Amazon, eBay und Google planen, noch 2015 mit eigenen Angeboten in Deutschland live zu gehen. Und das ist so verwunderlich nicht, denn Same Day Delivery verbindet die Bequemlichkeit des Online-Einkaufs mit der sofortigen Produktverfügbarkeit des stationären Handels. Das bringt gleichermaßen Vorteile für den Kunden als auch für Onlineshops oder Multichannel-Händler.

Miller: Viele digitale Entwicklungen sind in den letzten Jahren erst kritisch hinterfragt worden und heute nicht mehr wegzudenken. Wir sind absolut überzeugt, dass Same Day Delivery in drei bis fünf Jahren ein fester Bestandteil unseres täglichen Einkaufs sein wird. Für den Konsumenten ist es nun mal bequem, Sendungen zu einem Wunschtermin zu erhalten. Und das wissen auch die Einzelhändler. Wir merken in Gesprächen mit Händlern, dass viele das Thema auf dem Zettel haben und in ihr Serviceportfolio aufnehmen möchten. Zumal das Feedback unserer Bestandshändler überaus positiv ist.

Westeuropa: Same-Day-Markt soll auf 3 Mrd. Euro anwachsen

Gibt es denn Prognosen für die weitere Geschäftsentwicklung? 

Rausch: Experten gehen davon aus, dass der Markt für Same Day Delivery bis 2020 in Westeuropa auf rund drei Milliarden Euro wächst und dann 15 Prozent des Umsatzes mit Standardpaketen ausmacht. Tritt diese Entwicklung ein, ist Hermes gut beraten daran zu partizipieren. Vom Nischenmarkt zum Massengeschäft ist es halt oft nur ein kleiner Schritt. Entsprechend ist unsere Beteiligung an Liefery folgerichtig.

Bestätigt das Tagesgeschäft die genannten Erwartungen?

Miller: Ja. Wir wachsen von Monat zu Monat mit mindestens 20% und können beinahe täglich neue Kunden aller Größenordnungen für unseren Service gewinnen. Zudem kommen immer mehr Händler und Kuriere aktiv auf uns zu und wollen Liefery einsetzen bzw. Teil unserer Liefer-Plattform werden. Wir sind daher sehr zuversichtlich, was unsere Wachstumsperspektive angeht.

Herr Rausch, Herr Miller, vielen Dank für das Gespräch.