Elektromobilität Hermes und Mercedes-Benz Vans: E-Transporter ab Herbst im Regelbetrieb

Hermes treibt die Elektrifizierung seiner Fahrzeugflotte in Deutschland voran, allen voran in der Paketzustellung in den Städten. Als strategischer Kooperationspartner ist Mercedes-Benz Vans beteiligt am Aufbau der E-Flotte. Wie läuft das Projekt? Bleibt es bei einem Start in 2018?

Mercedes-Benz eVito von Hermes (Foto: Mercedes-Benz Vans)

Im Mai 2017 haben Hermes und Mercedes-Benz Vans eine umfassende strategische Partnerschaft zur Elektrifizierung der Fahrzeugflotte von Hermes Germany beschlossen. Erste E-Transporter sollen Ende 2018 im Regelbetrieb starten. Wie kommt das Projekt voran? Wann und wo starten die ersten Fahrzeuge? Wir sprachen mit Benjamin Kaehler, Head of eDrive@Vans bei Mercedes-Benz Vans und Oliver Lanka, Head of Central Procurement bei Hermes Germany.


Oliver, Du bist als Einkaufs- und Flottenchef von Hermes mitverantwortlich für die Umstellung der Hermes Flotte auf elektrische Fahrzeuge. Dafür arbeitet Ihr eng mit Mercedes-Benz Vans zusammen. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Oliver Lanka, Hermes Germany. (Foto: Hermes)

Oliver Lanka: Die Zusammenarbeit verläuft partnerschaftlich und wirklich ausgesprochen gut. Mit Daimler stehen wir seit Beginn der Kooperation im intensiven Austausch und versuchen das Know-how beider Unternehmen bestmöglich zu bündeln. Dabei geht es nicht nur um vordergründige Themen wie den Einsatz von Elektromobilität in der Logistik sowie die Reichweite und Ausstattung unserer künftigen E-Fahrzeuge. Wir sprechen auch über Innovationsprojekte, die die Produktivität unserer Zustellprozesse verbessern sollen.

Benjamin Kaehler: Es reicht uns nicht aus, nur Fahrzeuge auf die Straße zu bringen. Daher arbeiten wir gemeinsam mit Hermes an einem umfassenden Ökosystem, welches auch Antworten auf das Thema Ladeinfrastruktur sowie die optimale Einbindung der Elektrofahrzeuge in die täglichen Betriebsabläufe der Logistikzentren und der Fahrerinnen und Fahrer umfasst.

Benjamin, Du steuerst die Zusammenarbeit auf Seiten von Mercedes-Benz Vans. Kern des Projekts ist die Planung eines bundesweiten Einsatzes der elektrisch betriebenen Transportermodelle eVito und eSprinter. Erste Testfahrten sollten schon im Frühjahr 2018 durchgeführt werden. Wie ist der aktuelle Stand?

Benjamin Kaehler, Mercedes-Benz Vans (Foto: Daimler)

Benjamin Kaehler: Wir liegen voll im Plan. Tatsächlich haben wir im Frühjahr erste Einsätze mit unseren Erprobungsfahrzeugen durchgeführt und sind mit den Fahrzeugen rundum zufrieden. Hier wurden Fahrzeuge auch unter Realbedingungen getestet, um zu sehen, wie sich der Elektroantrieb in der täglichen KEP-Praxis bewährt. Aktuell läuft die heiße Phase mit Standortbesichtigungen zum Aufbau unseres umfassenden Pilotkonzeptes an den Standorten Hamburg und Stuttgart.

Oliver Lanka: In Hamburg, Stuttgart, Berlin, Frankfurt und Hannover testen wir bereits heute batterieelektrische Transporter im Praxisbetrieb. Die ersten Fahrzeuge für den Pilotbetrieb des eVito erwarten wir für das vierte Quartal 2018. Darüber hinaus beschränken wir uns übrigens nicht nur auf leichte Nutzfahrzeuge. Für unsere Feeder- und Fernverkehre erproben wir den Einsatz alternativer Antriebsformen auch im Lkw-Segment.

150 Kilometer Reichweite

Wie bewähren sich die elektrischen Transporter in den bisherigen Tests?

Oliver Lanka: Bislang erweisen sich die Fahrzeuge als sehr praxistauglich, das melden uns auch die Fahrer zurück. Überzeugend ist die hohe Zuverlässigkeit, auch die Reichweiten von 100 bis 150 Kilometern pro Ladezyklus sind für die meisten Strecken ausreichend. Vor diesem Hintergrund gehe ich fest davon aus, dass sich die Transporter auch im späteren Regelbetrieb bewähren werden.

Benjamin Kaehler: Im Realbetrieb haben sich die Fahrzeuge auch aus meiner Sicht absolut bewährt. Sämtliche Beteiligte waren begeistert. Neben vielen Detailfragen, die beantwortet werden konnten, hat sich unter dem Strich gezeigt, dass der eVito ein ideales Fahrzeug für KEP-Lieferdienste und die Belieferung im urbanen Raum ist.

Die Reichweite hat für alle durchgeführten Touren bei Hermes ausgereicht. Zusätzlich haben wir bereits durch unsere Wintererprobung im schwedischen Arjeplog bewiesen, dass unsere Fahrzeuge auch in der kalten Jahreszeit absolut zuverlässig sind.  Außerdem wurde insbesondere die Arbeitsplatzergonomie für die Fahrerinnen und Fahrer mit „sehr gut“ bewertet – ein für uns zentraler Faktor. Wir als Mercedes-Benz stellen gerade an die Aspekte Sicherheit und Komfort höchste Anforderungen. Hier profitieren wir davon, dass wir auf ein bewährtes Produktkonzept zurückgreifen können und sind stolz, mit dem eVito einen echten Mercedes auf die Straße bringen zu können.

Gibt es auch Herausforderungen?

Oliver Lanka: Die größte Herausforderung bleibt für uns der wirtschaftliche Betrieb. Zwar ist Prognosen zufolge ein vollkostenneutraler Wechsel vom Diesel- zum E-Transporter durchaus möglich. Hohe Kosten verursacht aber bis auf weiteres der Aufbau der Ladeinfrastruktur. Anders als bisher können wir nicht auf ein öffentliches Tankstellennetz zurückgreifen, sondern müssen so gesehen unsere eigenen „Tankstellen“ bauen. Das ist alles andere trivial: Jeder Standort benötigt ein eigenes intelligentes Lademanagement, dazu ist in nicht wenigen Fällen sogar die Erweiterung des Stromnetzanschlusses erforderlich. Dass so etwas sehr viel Geld kostet, liegt auf der Hand.

Elektromobilität in allen Städten

Bleibt es bei den beiden Pilotstandorten Stuttgart und Hamburg?

 Benjamin Kaehler: Zu Beginn ja. In diesen beiden Städten werden wir die Konzepte entwickeln, um dann gemeinsam in den großen Rollout in weitere Ballungsräume zu gehen. Wir testen auch in beiden Städten: Während wir in Stuttgart vermehrt Erprobungsfahrten machen, haben wir dafür Anfang des Monats in Hamburg unsere Presse-Fahrveranstaltung mit dem eVito und dem eSprinter durchgeführt. Auch hier gab es großes Lob für unsere Fahrzeuge.

Oliver Lanka: Wir werden Elektromobilität langfristig in allen Städten einsetzen, in denen die Schadstoffbelastung durch den Verkehr besonders hoch ist. Hamburg und Stuttgart zählen ohne Frage dazu. Unser Ziel ist es, bis 2025 in allen deutschen Großstädten und Ballungsgebieten emissionsfrei zuzustellen.

Wurde auch der eSprinter bereits im Realbetrieb erprobt?

 Benjamin Kaehler: Nein. Wir hatten den eSprinter zwar bei der Presse-Fahrveranstaltung dabei. Bei bisherigen Erprobungsfahrten im Realeinsatz haben wir uns aber zunächst auf den eVito konzentriert. Dieses Fahrzeug kommt ja bereits in diesem Jahr auf die Straße und wird der erste Elektrotransporter sein, den wir an Hermes übergeben werden.

 Wann werde ich denn mein erstes Hermes-Paket von einem eVito geliefert bekommen?

Benjamin Kaehler: Falls Sie nicht bereits während der Erprobungsfahrten einen eVito vor Ihrer Haustür sehen, steigt die Chance ab dem vierten Quartal dieses Jahres deutlich an.

Oliver Lanka: Richtig, zumindest in Hamburg und Stuttgart. Dort werden die Fahrzeuge übrigens auch im anstehenden Weihnachtsgeschäft einen signifikanten Teil der Paketmengen übernehmen.

Bikes statt Transporter?

In Berlin testet Hermes bereits die Zustellung per Lastenrad, erste Ergebnisse sind sehr vielversprechend. Haben Transporter in Großstädten – egal ob Diesel oder Elektro – bei Paketdiensten überhaupt noch eine Zukunft?

Oliver Lanka: Die Zustellung per Cargobike ist in Innenstädten eine hochinteressante und ernstzunehmende Ergänzung. In Berlin analysieren wir im Rahmen des Projekts KoMoDo mit dem Senat und anderen Logistikdienstleistern wie DHL und DPD, unter welchen Voraussetzungen der Einsatz von Lastenrädern sogar effizienter sein kann als mit konventionellen Fahrzeugen.


Datenschutzhinweis: Beim Abspielen des Videos werden Daten an den externen Anbieter übermittelt.


Ganz ohne Transporter geht es aber auch dort nicht. Zum einen muss das Mikrodepot, das als Ausgangspunkt für die Cargobikes dient, morgens mit Paketen beliefert werden. Andererseits können Sperrgut, Großstücke und oft auch Koffer nicht einfach so per Lastenrad transportiert werden. Nicht zuletzt setzt der effiziente Einsatz von Cargobikes meist ein Netz aus Mikrodepots voraus. Flächen für solche Depots aber sind gerade in den Metropolen knapp und teuer, von den Betriebskosten ganz zu schweigen. Da muss man schauen, was wirklich praktikabel ist.

Mittelfristig rechne ich mit einem Mix aus konventionellen und alternativen Fahrzeugen mit unterschiedlichen Antriebstechniken.

Danke für das Gespräch.

Nächster Artikel