„Innovation muss aus Sicht der Customer Centricity gedacht werden.“

Vom Paketausfahrer zum E-Commerce-Innovator: Zum ersten Mal nimmt Hermes an der Digitalmarketing-Fachmesse dmexco teil. Im Interview erklärt Roger Hillen-Pasedag, Bereichsleiter Strategy & CR, wie Hermes wichtige Technologietrends ausmacht und für die Geschäftsentwicklung nutzt.

Am 13. und 14. September 2017 trifft sich auf der dmexco in Köln die digitale Wirtschaft. (Foto: @dmexco)

Vom Paketausfahrer zum E-Commerce-Innovator: Zum ersten Mal nimmt Hermes an der Digitalmarketing-Fachmesse dmexco teil. Im Interview erklärt Roger Hillen-Pasedag, Bereichsleiter Strategy & CR, wie das Logistikunternehmen wichtige Technologietrends ausmacht und für die Geschäftsentwicklung nutzt.

Herr Hillen-Pasedag, ein Logistikkonzern wie Hermes ist vielleicht nicht das Erste, was einem einfällt, wenn man an Aussteller auf der dmexco denkt. Was sind in Köln Ihre Themen?

Roger Hillen-Pasedag. (Foto: Hermes)

Hillen-Pasedag: Die dmexco ist inzwischen eine der großen Plattformmessen für E-Commerce. Die Logistik hat sich in den letzten 10 Jahren vom Handlungserfüller des E-Commerce immer mehr zum Enabler entwickelt. Logistische Services werden immer mehr zur Differenzierung des Online-Angebots eingesetzt und promotet. Hier gibt es eine enge Verknüpfung mit dem Online Marketing. Gleichzeitig verändern sich die Entscheidungswege. Strategische Distributions-Services werden immer mehr direkt aus dem Online-Shop-Management entwickelt und sind kein reines Feld der Logistikabteilungen bei den Händlern mehr.

Shop-Management, Online Marketing und Logistik lassen sich m.E. nicht mehr voneinander trennen, wenn Sie im E-Commerce innovativ bleiben wollen. Sie müssen Innovationen aus der Sicht der Customer Centricity denken, so arbeiten wir bei Hermes auch an unseren Projekten. Und vor diesem Hintergrund möchten wir auf der dmexco Gespräche führen und unser Netzwerk erweitern.

Kollaborationsmodelle mit Startups

Sie haben in ganz verschiedenen Unternehmen mit Innovationen zu tun gehabt. Was ist besser – inhouse entwickeln oder innovative Startups einkaufen?

Hillen-Pasedag: Man muss beide Wege im Auge haben. Wir machen ein sehr intensives Startup-Screening und verfolgen sehr genau die Trends bei neuen Technologien und Geschäftsmodellen. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, funktionierende Kollaborationsmodelle mit Startups zu entwickeln und so die teilweise noch bestehenden Hürden zwischen Corporate und Startup zu reduzieren. Auf der anderen Seite darf man die Power, die in einem Unternehmen wie Hermes steckt, auch nicht unterschätzen. Unser Innovation Management treibt in sehr agilen Arbeitsmethoden innovative Geschäftsfelder voran – in Teams mit Playern aus ganz unterschiedlichen Funktionsbereichen. Wichtig ist es uns, sehr früh in den Projekten schon die Experten im Unternehmen zu involvieren. Insbesondere das Know-how der Operations hat dabei eine große Bedeutung.

Und nach welchen Kriterien investieren Sie in Startups?

Hillen-Pasedag: Wir sind in erster Linie nicht als Finanzinvestor, sondern als strategischer Investor unterwegs. Bei unserer Beteiligung am Same-Day-Delivery Startup Liefery zum Beispiel wollen wir ganz klar einen Mehrwert für unser Unternehmen schaffen. Wir sind aber auch non-equity-based – also ohne Finanzbeteiligung – unterwegs, zum Beispiel in der Kooperation mit Starship: Die haben den Lieferroboter, den wir nicht mal eben so entwickeln könnten. Wir haben den Marktzugang und die Kunden. Und so konnten wir sehr schnell einen Prototyp auf die Straße bringen.

Alternative Zustelltechnologien im Fokus

Zunehmender Verkehr belastet deutsche Großstädte. Könnte man mit mehr Kooperation nicht auch die Innenstädte vom Lieferverkehr entlasten?

Hillen-Pasedag: Das Potential ist sicher da. Zudem wird es im innerstädtischen Bereich auch immer stärkere Einfahrbeschränkungen geben. Da muss man dann schauen, welche Kooperationen möglich sind – zum Beispiel bei den so genannten City Hubs oder Micro Depots, also Stationen, von denen sich die Fahrer Pakete abholen und z.B. per E-Bike ausfahren. Genau solche Konzepte haben wir bei uns in den Innovation Fokus Themen im Stream. Und wir setzen hier auf alternative Zustelltechnologien, zum Beispiel Lastenfahrräder oder E-Scooter wie das TRIPL.

Sie kooperieren im Bereich Elektromobilität auch mit Daimler?

Hillen-Pasedag: Ja, wir werden bis 2020 insgesamt 1.500 Fahrzeuge auf die Straße bringen. Hier kommen zwei Partner zusammen, die sich sehr gut ergänzen: Ein Technologiehersteller, der eine neue Antriebsform im gewerblichen Bereich zur Serienreife bringen will, und ein Player wie Hermes, der die Reichweite und das Paketvolumen mitbringt, um solche Systeme unter realen Bedingungen zu testen.

Daimler hat 2016 das Konzept Vision Van vorgestellt, einen Elektro-LKW, der als mobile Basis für Drohnen und Lieferroboter dient. Ist das ein Konzept für Sie?

Hillen-Pasedag: Bisher nicht. Auch mit einem Vision Van bleibt ja die Grundsatzfrage, wie ich mit Robotern einen kommerziellen Anwendungsfall abbilde. Wir haben da mit unserem Starship-Test viele Erfahrungen gesammelt, die wir gerade auswerten. Ein Problem sind die rechtlichen Rahmenbedingungen: Die Roboter könnten zwar 90 bis 95 Prozent der Strecken autonom fahren, aber gemäß den behördlichen Auflagen müssen sie immer von einem Menschen begleitet werden. Für den Betrieb autonomer Fahrzeuge braucht es schnellstmöglich klare Rahmenbedingungen, damit die deutsche Wirtschaft hier nicht den internationalen Anschluss verliert.

Sie testen den Starship-Roboter auch in London, was machen Sie da für Erfahrungen?

Hillen-Pasedag: In UK fokussieren sich die Kollegen auf Retouren, nicht auf Lieferungen wie bei unserem Hamburger Test. Grundsätzlich ist das Thema nicht so komplex wie hier. Die Marktpenetration von Starship ist größer, auch die Akzeptanz ist höher.

Im Gegensatz zu anderen Playern testen Sie keine Drohnen. 

Hillen-Pasedag: Wir verfolgen die Entwicklungen in dem Bereich intensiv, sehen derzeit aber für unser Geschäft keine wirklich wirtschaftlichen Anwendungsfälle. Drohnen bieten Vorteile da, wo es um schnelle Lieferungen in entlegene Gebiete geht, auf eine Alm oder Insel. Im innerstädtischen Bereich ist das schwieriger, weil die Drohnen irgendwo landen müssen. Dazu kommt: Sie müssen heute fast jeden Flug anmelden, damit wird es schwierig, flexible Paketnetze aufzubauen. Vielleicht wird es eines Tages zentrale Lande- und Ladestationen im Metropolbereich geben – da muss man sehen, was sich entwickelt. Und wie es so oft mit völlig neuen Technologien ist; am Ende werden vermutlich der Einsatz und das Potential ganz woanders liegen als dort, wo wir heute noch denken.

Die drei wichtigsten Innovationsbereiche

Was sind denn aus Sicht von Hermes die drei wichtigsten Innovationsbereiche?

Hillen-Pasedag: Auf jeden Fall die selbststeuernde Logistikkette, von der ein Teil das Internet of Things (IOT) ist. Da sind wir dabei herauszufinden, wo spannende Anwendungsbereiche für uns liegen. Das IOT hat ja immer zwei Facetten. Erstens: Wie kann ich effizienter Warenströme managen? Und zweitens: Welche Möglichkeiten bietet mir IOT in der Interaktion mit dem Endkunden, was ergeben sich für Anwendungen, welche Möglichkeiten bieten sich zur Steigerung des Kundennutzens? Sprachsteuerung über Produkte wie Amazon Echo oder Google Home ist hier ein spannendes Thema, da fahren wir erste Tests in UK. Ein weiteres Feld ist das autonome Fahren, da interessiert uns vor allem das Potential für Transporter und mobile Paketstationen. Und natürlich Robotik, das ist für die Logistik grundsätzlich sehr spannend.

Arbeiten Sie in Technologiefeldern wie Robotik mit Forschungs- oder Industriepartnern zusammen?

Hillen-Pasedag: Wir schauen uns immer erst in agilen Sprints an, was die Technologien bieten, welche Anwendungsfälle es gibt, wie die Kundenseite aussieht. Anschließend versuchen wir daraus Use Cases zu entwickeln und potenzielle Partner zu finden, um dann schnell Prototypen zu realisieren.

Konzepte müssen sich optimal in den Alltag einfügen

Könnten autonome Paketfahrzeuge eines Tages neben dem Boten herfahren, damit der nicht ständig ein- und aussteigen muss? 

Hillen-Pasedag: Das macht da Sinn, wo es extrem viele Sendungen in sehr begrenzten Räumen gibt. Das ist bei uns als klassischer B2C-Versender nur partiell der Fall. Darüber hinaus haben wir ja heute das Phänomen, dass der Großteil der Pakete an die Haustür geht, obwohl der Großteil der Menschen gar nicht zu Hause ist. Die Frage ist also: Wie kann man den Paketstrom insofern effizienter gestalten, dass die Zustellung sich möglichst optimal in den Alltag des Konsumenten integrieren lässt?

Würden Sie Ihren Kofferraum als Paketablage zur Verfügung stellen, wie das VW gerade testet?

Hillen-Pasedag: Ich würde es machen, aber mein Wagen steht meistens da, wo ein Zugang für Paketboten schwer oder gar unmöglich ist. Wir haben allerdings ein Massenpaketgeschäft, und wenn der Zusteller erstmal eine halbe Stunde durchs Parkhaus laufen muss, macht das wenig Sinn.

Außerdem wird sich der Besitz von Autos ohnehin stark ändern, da muss man sich fragen: Ist der Kofferraum wirklich spannend? Viel interessanter sind aus meiner Sicht die Potentiale, die sich aus neuen Mobilitätskonzepten entwickeln. Das wird sehr spannend vorauszudenken, wie sich die Paketzustellung in neue Mobilitätskonzepte noch stärker integrieren lässt.

Klingt so, als sei Ihr heimliches Motto: Don’t believe the Hype!

Hillen-Pasedag: Genau. Man kann überall mitmachen, aber man muss sich entscheiden, wo man den Fokus und die Manpower drauflegt. Wir sind kein Venture Capital Unternehmen, sondern ein Unternehmen, was sehr konkret und verantwortungsvoll mit den finanziellen Ressourcen umgehen muss. Wir haben einen ganz guten Überblick durch unser Netzwerk und unsere Recherchen. Wir fokussieren den sog. Urban Customer – für den müssen wir Mehrwerte schaffen. Stichworte sind: Autonomes Fahren, die selbststeuernde Logistikkette und New Mobility.

Wie organisiert man Innovation?

Innovationsabteilungen haftet der Ruf an, dass man hier die Querköpfe hin abschiebt, damit das Unternehmen in Ruhe weiterwurschteln kann. Was ist Ihr Rat? Wie organisiert man Innovation im Unternehmen?

Hillen-Pasedag: So einen richtigen Blueprint hat m.E. noch keiner gefunden. Meiner Meinung nach gibt es auch kein allgemeingültiges erfolgversprechendes Format. Jedes Unternehmen muss schauen, was authentisch zu ihm passt und den größten Mehrwert liefert. Wir haben uns für einen Weg entschieden, bei dem wir sehr eng mit den Fachabteilungen zusammenarbeiten und alle relevanten Player von Anfang an mitnehmen.

Nicht alle Dinge stoßen ja gleich auf Begeisterung, darum sind wir im Unternehmen gut vernetzt und versuchen für unsere Projekte Multiplikatoren zu finden. Anstatt dass wir in einem Closed Shop als U-Boot unterwegs sind, dann nach zwei Jahren hochkommen und sagen: Jetzt gibt’s es übrigens was Neues, bringt das mal auf die Straße, verkauft das mal. Uns geht es im Sinne unserer Unternehmenskultur darum, die Leute mitzunehmen und zu begeistern für Innovationen. Auch den Mitarbeiter, der davon weiter weg ist. Damit wollen wir auch einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Unternehmenskultur leisten.

Ist ein Logistikkonzern wie Hermes ein attraktiver Arbeitgeber für IT-Fachkräfte, die heute ja stark gesucht werden?

Hillen-Pasedag: In jedem Fall! Entscheidend ist dabei, welche Freiräume und welche Entwicklungsmöglichkeiten man als Unternehmen bietet, damit man diese Leute auch begeistern kann. Da bietet die Logistik durchaus spannende Optionen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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